Autobombe aus Tätersicht ideale Waffe – Grundstoffe sind frei verfügbar
Die Autobombe ist aus Tätersicht eine ideale Waffe. Um sie ins Ziel zu lenken, bedarf es lediglich durchschnittlicher Fahrkünste. Der Planungsaufwand ist denkbar gering. Kraftfahrzeuge fallen zudem im Zeichen der Massenmobilisierung nirgendwo auf, es sei denn in Sicherheitszonen. Überdies können die größtenteils verwendeten Sprengmittel aus frei verfügbaren Grundstoffen hergestellt werden. Das bedeutet: Autobomben sind auch die ideale Waffe für kleine, selbstständig operierende terroristische Zellen oder sogar “lonely wolves” (Einzeltäter).
Zur Realisierung keine Netzwerke erforderlich
Zur Anschlagsausführung bedarf es also keiner weitverzweigten Netzwerke. Ein Beispiel dafür sind die Verbrecher von Oklahoma, Timothy McVeigh (Haupttäter) sowie Terry Nichols und (Mittäter). Während viele US-Bürger bis heute glauben, dass McVeigh und Nichols von einer Regierung oder großen Terrororganisation unterstützt wurden, bringt der renommierte amerikanische Soziologe Mike Davis die weitaus schlichtere Wahrheit an den Tag.
Tatsächlich benötigten die Täter “nur öffentliche Telefonzellen und den Besuch einer Waffenmesse”.
Grausige Bilanz von Oklahoma City
Der erzielte Effekt war beim Anschlag von Oklahoma City am 19. April 1995 ungleich spektakulärer. 168 Menschen wurden in den Tod gerissen. Unter ihnen 19 Kinder, die sich im Kindergarten des Regierungsgebäudes befanden. Über 800 Menschen wurden verletzt.
Das angegriffene achtstöckige Federal Building wurde vollständig zerstört. 312 weitere Gebäude wurden im Kernbereich von Oklahoma City in einem Radius von 1,5 Kilometern beschädigt. Die Druckwelle wurde auf der Richterskala wie ein Erdbeben der Stärke 6 wahrgenommen. Der Sachschaden wird auf 125 Millionen Dollar beziffert. Wie das Bureau of Alcohol, Tobacco, Firearms and Explosives (ATF) berechnete, hatte die Ladung die Sprengkraft von 1.500 Kilogramm Dynamit.
Mineraldünger als hauptsächliche Komponente
Verwendet wurde ANNM, eine Mischung aus dem Mineraldünger Ammoniumnitrat und (dem im Motorsport auch als Additiv für Ottomotoren gebräuchlichen) Nitromethan. Beide Komponenten sind frei erhältlich. Als Tatfahrzeug wurde nicht etwa ein Lkw, sondern ein Ford-Transporter eingesetzt, in dem rund 2,4 Tonnen ANNM verstaut waren.
Sattelzüge fassen bis zu 27,2 Tonnen Sprengstoff
Die maximale Wirkung wurde also in Oklahoma City noch gar nicht erreicht. Denn ein Sattelzug kann mit bis zu 27,2 Tonnen Explosivstoffen beladen werden. Bei einer Detonation würden noch in einem Radius von 2,1 Kilometer erhebliche Schäden angerichtet werden. Bereits in den Kofferraum ganz normaler Pkw passen je nach Modell zwischen 227 bis 455 Kilogramm Sprengmittel. Das genügt, um Gebäude in der Nähe des Detonationsortes völlig zu zerstören.
Geringer Kostenaufwand – maximale Wirkung
Erschreckend ist immense Missverhältnis zwischen dem “Invest” der Täter und den angerichteten Schäden. Eine Autobombe, die im Juli 2005 von der IRA in der Londoner Innenstadt gezündet wurde, führte nach Berechnungen der Investmentbank Merrill Lynch zu Schäden von rund einer Milliarde Pfund (1,5 Milliarden €). Nicht mitgerechnet sind dabei die enormen Kosten, die von den Versicherungsunternehmen in aller Welt zu tragen waren.
Nach der Großschadenslage von London musste das gesamte globale Versicherungswesen umstrukturiert werden musste. Der materielle Aufwand für die IRA betrug dagegen keine 5.000 Pfund. Zum Vergleich: Ein einziger konventionell bestückter Marschflugkörper (Cruise Missile) hätte trotz höchstwahrscheinlich geringerer Zerstörungskraft mit 1,1 Millionen US-Dollar das 200-Fache an Kosten verschlungen.
New York: Telefongespräche waren teurer als die Sprengmittel
Ähnlich lag die Diskrepanz beim Autobombenanschlag auf das World Trade Center im Jahr 1993. Wie Thomas Preuß ausführt, beliefen sich die Kosten auf 3.615 US-Dollar für den Sprengstoff und 59 US-Dollar Tagesmiete für das Fahrzeug. Vor dem Hintergrund, dass die Täter eigentlich auf 100.000 Todesopfer und zwei- bis dreistellige Milliardenschäden abgezielt hatten, gewinnen diese minimalen Aufwendungen an zusätzlicher Brisanz. Laut FBI-Protokoll prahlte der Rädelsführer des Anschlags, Ramsi Jussef, dass er das meiste Geld nicht für die Sprengmittel, sondern für Ferngespräche mit seinen Hintermännern ausgegeben habe.
Noch asymmetrischer fällt die “Kosten-Nutzen-Bilanz” im Irak aus. Im Durchschnitt kostet dort eine Autobombe 150 US-Dollar. Angesichts dessen verwundert es nicht, dass in dem vorderasiatischen Staat täglich Anschläge realisiert werden.
Praxishinweise
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