Sicherheit

Terrornetzwerk IS: Katalysator für den Salafismus?

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Entwicklung und Vormarsch der IS

Die Organisation „Islamischer Staat“, kurz IS (ehemals ISIS „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“), gehört zu den radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Sie kämpft für einen sunnitischen Gottesstaat im arabischen Raum. Der IS bildete sich 2003 aus dem irakischen Widerstand „Tawhid und Dschihad“ hervor, der sich gegen die US-Invasion im Irak wandte. Die Gruppe verübte im Land Selbstmordanschläge auf US-Soldaten, Schiiten und Christen. Vormals von einem Jordanier geführt, übernahm 2010 der Iraker Abu Bakr Al-Bagdadi die Führung des IS, der seitdem den Anspruch vertritt, einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat errichten zu wollen. Durch ihre blutige Offensive seit Januar 2014 im Irak und in Syrien, erzielte das Terror-Netzwerk internationale Bekanntheit. Ihre Gräueltaten bereiten sie medial auf, und unterlegen sie häufig mit Musik und „Alahu Akbar“-Rufen. So riefen sie das Kalifat in den von ihnen kontrollierten Gebieten in Syrien und im Irak, wie in Falludscha und Ramadi, aus und erklären sich für die Sieger im Namen Allahs. In den Reihen der Gruppe kämpfen auch Muslime aus Nordafrika, den arabischen Golfstaaten sowie Konvertiten aus Europa und Deutschland.

Bündnisse und Abgrenzungen

Der IS wurde in der Öffentlichkeit zunächst mit dem Terror-Netzwerk Al Qaida in Verbindung gebracht. Dies war auch eine Weile lang korrekt. Denn  2011 wurde die Al-Nusra-Front als ein verlängerter Arm der Al Qaida in Syrien gegründet. 2013 verkündeten Vertreter der Al-Nusra-Front und der IS, dass sich beide Milizen unter dem Namen „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“, kurz ISIS, zusammenschließen. Allerdings erhob der irakische IS-Anführer Al-Bagdadi Führungsansprüche, Al-Golani, der Anführer der syrischen Al-Nusra lehnte dies jedoch ab und betonte in Tonbanddokumenten seine Loyalität zum Al-Qaida-Führer Aiman Al Zawahiri. Im Februar 2013 verkündete die Al Qaida, dass sie ISIS nicht anerkennen würden und forderten die Miliz auf, sich aus Syrien zurückzuziehen.

So kam es zeitweise sogar zu Gefechten zwischen der Al-Nusra-Front und ISIS, die sich durchsetzten und eine von der Al-Nusra kontrollierte Stadt eroberten. Die Unruhen zwischen den islamistischen Terroristen blieben jedoch bestehen. ISIS überwarf sich mit syrischen Salafisten.

Auswirkungen auf die deutsche Salafisten-Szene

Dennoch werben Salafisten unter ihren Anhängern in ganz Europa für die Beteiligung an den Kriegen in Syrien und nun auch im Irak. Die IS möchte einen 16-Punkte-Plan auf Basis der Scharia durchsetzen, nach welchen sich die Frauen u. a. komplett und somit züchtig zu bedecken und zuhause zu bleiben haben, Alkohol, Drogen und Tabak sind verboten, ebenso wie das Abhalten von Versammlungen oder das Tragen von Waffen, sobald der Krieg aus Sicht von IS beendet ist. Diese definierten Ziele stimmen mit den Programmen der Salafisten weitgehend überein. Zudem besitzen die gewalttätigen Videos des IS Werbecharakter für das gewalttätige Potential salafistischer Anhänger und Sympathisanten. Die Miliz des IS demonstriert Macht und verursacht Angst und Schrecken.

Die Besorgnis deutscher Sicherheitsbehörden und Politiker, dass sich junge Menschen, die zuvor keinerlei Bezug zum Islam hatten, dem islamistischen Terrorzug anschließen, ist deutlich zu hören und begründet. Und gerade diese Schreckens-Popularität wirkt anziehend auf gewaltbereite, junge Menschen. In Hessen und Nordrhein-Westfalen zeigen sich salafistische Zirkel, deren Mitglieder den Syrienkrieg unterstützen und dort kämpfen wollen. Sie kommen aus ganz anderen kriminellen Bereichen, wie BTM-Delinquenz, Raub und Körperverletzungsdelikte. Im Übrigen nutzen sie diese Strategien wohl auch weiter zur Finanzierung ihrer Vorhaben. Der Glauben des Islam spielt für diese Personen kaum eine Rolle, aber der Machtanspruch, die Netzwerke und die Popularität des IS hat eine ähnliche Wirkung wie die Al Qaida nach ihren Anschlägen in den USA und Europa. Insofern ist ein Wachsen der salafistischen Szene, vor allem des gewaltbereiten Flügels, zu erwarten.

Zusätzlicher Nutzen des Gaza-Konflikts

Nicht nur der Vormarsch des IS, auch die Geschehnisse im Gaza und die dazugehörigen antiisraelischen Proteste und Ausschreitungen in Deutschland stärken die salafistische Szene. Während der Pro-Palästina-Demonstrationen sah man Anhänger der Salafiyya-Bewegung mit der Flagge von IS, die in schwarz-weiß den ersten Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses, der schahÿda, und das Siegel Mohammeds zeigt. Die Salafisten zeigen sich bei jeder Gelegenheit in der Öffentlichkeit und nutzen den gegenwärtigen Gaza-Konflikt und die antisemitische Stimmung unter Muslimen in Deutschland zur Rekrutierung von Anhängern. Trotz sehr uneinheitlicher Positionen unter den Muslimen schaffen die anti-israelischen Proteste eine einheitliche Position und damit ein Gemeinschaftsgefühl. Da gerade hier junge, gewaltbereite Muslime zu finden sind, die sich in ihrem Ziel- und oftmals sogar Geburtsland nicht heimisch fühlen, werben die Salafisten verstärkt für ihre Bewegung. Die Brutalität und auch die gewonnene Macht des IS wirken sich befriedigend auf das Bedürfnis nach Rache dieser jungen Menschen aus, obwohl sie in Syrien und im Irak hauptsächlich gegen andere Muslime kämpfen.

Praxishinweise:
  • Die Uneinigkeiten zwischen Al-Nusra/Al Qaida und dem IS stehen dem aktuellen Eroberungszug nicht entgegen.
  • Die Aktivitäten des IS werden damit zur Referenz für die transnationale Salafiyya-Bewegung.
  • Die Verbreitung ihrer Taten über die Medien besitzen Werbeeffekt.
  • Die Salafisten haben durch die aktuellen Konfliktherde und Entwicklungen Chancen, ihr Netzwerk zu erweitern.
  • Es ist anzunehmen, dass vor allem der gewaltbereite Flügel der Salafiyya-Bewegung  wächst, dies könnte zukünftig zu Abspaltungen innerhalb der deutschen Szene führen.