Sicherheit

Krisenmanagement im Tourismus vor, bei und nach Gefährdungslagen

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Die Bedrohungslage für den Tourismus

Als typische Bedrohungen für den Urlauber gelten Naturkatastrophen, Infektionen, politische Unruhen und Terroranschläge. Im Jahr 2015 brach der Tourismus in der Türkei ein, wie nie zuvor. Terroranschläge in Folge und ein politisches Zerwürfnis mit Russland sowie ein Militärputsch 2016 sorgten zusammen für Verluste in Milliardenhöhe. Ähnlich in Ägypten und besonders in Tunesien, dem Hoffnungsträger des arabischen Frühlings, wo der Tourismus praktisch zum Erliegen kam.

Sicherheit im Tourismus ist nicht erst seit den jüngsten Terroranschlägen ein Thema. In der Vergangenheit kamen jedoch die Anschläge vereinzelt vor, und die Branche konnte sich darauf verlassen, dass bereits nach wenigen Wochen das Vergessen eintrat und Urlauber, motiviert durch Lockangebote, zurückkehrten. Doch mit der Strategie von Terrormilizen wie dem sogenannten „Islamischen Staat“, Al Quaida oder der PKK, den Terror auch in die Touristenzentren zu tragen und bewusst Menschansammlungen aus vielen Nationen zu treffen, hat sich die Situation auch für die Tourismusbranche grundlegend verändert. Der Tourismus ist in der Tat ein prädestiniertes Anschlagsziel, denn wie kaum ein anderes, sind mediale Aufmerksamkeit und ein Vertrauensverlust zu dem Urlaubsland die Folge. Wenn die blutigen Bilder einmal durch die Welt gehen und Chaos am Ort des Geschehens entsteht, dann ist das terroristische Ziel bereits erreicht. Wie nie zuvor bestimmt eine Art irrationaler Angst vor Terror die Gemüter in Europa. Dabei ist den meisten Menschen bewusst, dass die gefühlte Bedrohung nicht der realen entspricht. Weder zu Hause noch am Urlaubsort. Jeder terroristische Anschlag führt zu einem Anwachsen der Unsicherheit. Doch bei Urlaubern ist das diffuse Angstgefühl offensichtlich besonders ausgeprägt. Man muss die Reise nicht antreten und steht bei vermeintlich kritischen Ländern vor der unliebsamen Entscheidung, dass schon nichts passieren wird oder man ändert das Reiseziel, oder man bleibt gleich zu Hause.

Das Resultat für den Tourismus: Viele Menschen zögern bei Urlaubsbuchungen. Ältere Menschen und junge Familien mit Kindern neigen besonders dazu, Risiken zu vermeiden und ziehen einen Urlaub in Deutschland oder in vermeintlich als sicher geltenden Mittelmeerländern wie Spanien, Italien und Griechenland vor. Doch was ist „sicher“? Garantien für sichere Länder hat es noch nie gegeben, erst recht nicht in diesen Zeiten, wo der Terror überall zuschlagen kann. Im Flughafen, während des Fluges, dem Weg ins Hotel, im Hotel, bei den Ausflügen und zwischen den Strandstühlen. Der Strand ist ein besonders leichtes Anschlagsziel. Und wer mag noch einen Urlaub mit der Warnung des Auswärtigen Amtes im Rücken genießen, größere Menschenansammlungen und stark frequentierte Stätten zu meiden? Kann die Tourismusbrache hoffen, dass Terror eine vorübergehende Erscheinung ist? Niemand kann das verlässlich prognostizieren. Selbst die Sicherheitsorgane waren von der durch den „Islamischen Staat“ verursachten Terrorwelle vollends überrascht. Doch die Aussichten auf ein Abklingen stehen schlecht.

Mit dem allmählichen Niedergang des „Islamischen Staates“ in seinem annektierten Territorium geht eine vermehrte Anschlagsserie in westlichen Staaten einher. Seien dieses Kompensationsaktionen oder lange gezielte Operationen, es spielt in dieser Betrachtung eine sekundäre Rolle. Tatsache ist, dass bis zu sechstausend Europäer zum IS nach Syrien oder in den Irak gegangen sind und eine nicht bekannte Anzahl im vierstelligen Bereich nach Europa zurückgekehrt ist. Ebenso ist Tatsache, dass es keinen genauen Überblick in Europa gibt, wie viele Menschen eingereist sind, bzw. nicht oder nur unzureichend registriert sind. Experten sind der Meinung, dass es eingeschleuste und für Terrorakte ausgebildete Kämpfer in Europa gibt, die Schläferzellen bilden, und deren Modus Operandi es ist, allein oder im Netzwerk zuzuschlagen. IS und Al Quaida stehen zudem in einer Art „Wettbewerb“. Die Leidtragenden sind wie immer jene Menschen, die zur falschen Zeit in der falschen Stadt, am falschen Strand oder in der falschen U-Bahn waren. Der Tourismus sollte sich angesichts dieser Entwicklung nicht darauf einstellen, dass Terrorismus eine vorübergehende Erscheinung ist. Vielmehr wird er ein Problem über viele Jahre, vielleicht Jahrzehnte sein. Das hängt nicht zuletzt von der Entschlossenheit ab, den IS zu besiegen und wie viele unerkannte gewalttätige Dschihadisten bereit zum Anschlag in Europa und in den klassischen Reiseländern sind.

Weitermachen oder Paradigmenwechsel?

Wie wird die Tourismusindustrie damit umgehen? Wird sie darauf warten, dass die „dunkle Wolke“, so der Wortlaut des Deutschen Reiseverbandes (DRV) auf der Internationalen Tourismus-Börse Berlin (ITB) 2016, vorüberzieht? Werden die reisefreudigen Deutschen auch in den Jahren des Terrors schnell vergessen? Die Verantwortlichen zumindest vermitteln beruhigende Sicherheit. In seiner Homepage propagiert der DRV: „Stark in der Krise: Ob Streik, Naturkatastrophe oder politische Unruhen – von Krisen im Ausland sind auch deutsche Urlauber betroffen. Zu unseren Aufgaben zählt das branchenweite Krisen- und Sicherheitsmanagement, das wir für die Tourismusunternehmen koordinieren. Hierfür steht der Verband mit den Reiseveranstaltern, dem Auswärtigen Amt – das die Sicherheitslage für Deutsche im Ausland beurteilt – und anderen Regierungsstellen in engem Kontakt. Gemeinsam analysieren wir die aktuelle Lage und koordinieren gegebenenfalls geeignete Maßnahmen zum Schutz der Gäste von Reiseveranstaltern. So können wir effektiv und schnell handeln. Über mögliche Auswirkungen der Vorfälle informieren wir zudem Medien und Öffentlichkeit.“

Das scheint auf den ersten Blick so, als wäre alles geregelt. Doch wer trägt für die Sicherheit des anvertrauten Urlaubers die Verantwortung? Er selbst oder die Behörden? Wie geht man in Zukunft mit dem sicherheitsbewussten Urlauber um? Angesichts der düsteren Sicherheitsprognosen ist es Zeit, die Strategien in der Branche dringend zu überdenken und einen Paradigmenwechsel einzuleiten, anstatt die Energien darauf zu konzentrieren, Regressansprüche zu regulieren, die im Übrigen nach Auffassung von Prof. Ronald Schmid auch dem Reisevertrag des Einzelnen Rechnung tragen müssen.

 

PRAXISHINWEIS:

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Auszug aus dem Werk „Krisenmanagement in Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen“, von Jörg H. Trauboth, 2016, 482 Seiten.