Sicherheitskonzepte

Übergriffe im Alltag Teil 3: EDC – jetzt wird „gepfeffert“

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Schreckschuss, Applikatoren und Sprays

Nachdem wir im ersten Teil die besondere Bedeutung von Aufmerksamkeit und Wachsamkeit im öffentlichen Raum betont haben, ging es im zweiten Teil um Alltagsgegenstände, die auch zur Selbstverteidigung eingesetzt werden können.

In diesem dritten Teil nun stellen wir verschiedene Formen von Pfefferspray vor. Diese sind laut Produktbezeichnung nur zur „Tierabwehr“ zugelassen und unterfallen daher nicht dem Waffengesetz. Sie können ohne Weiteres mitgeführt werden. Trotzdem ist die Sache mit dem Pfefferspray nicht so einfach wie es scheint. Mehr dazu später.

Der Vollständigkeit halber gehen wir auch auf Schreckschusswaffen ein. Diese können unter anderem Pfefferkartuschen verschießen und haben damit eine ähnliche Wirkung wie Pfefferspray. Rechtlich gesehen handelt es sich jedoch bei Schreckschusswaffen um Waffen im Sinne des Waffengesetzes, auch dazu später mehr.

Pfefferspray: Da werden selbst Marines unruhig …

Das militärische Training des US-Marinekorps gilt als eines der härtesten. Dabei rangiert eine Trainingserfahrung in puncto Schmerz und Brutalität ganz weit oben:

„Pepper spray training …“

Bevor die Krieger selbst den Sprayknopf auslösen dürfen, werden sie selbst besprüht. Oleoresin Capsicum (OC) heißt der Wirkstoff, der schon in kleinsten Dosen bestialisch in den Augen und auf der Gesichtshaut brennt, massives Husten auslöst und damit für eine extrem schmerzhafte und unangenehme Erfahrung sorgt. Das sollte man sich klarmachen, wenn man so eine kleine Spraydose in die Hand nimmt.

 

 

Fangen wir vorne an:

Pfefferspray – wir sagten es schon – fällt nicht unter das Waffenrecht. Das Waffengesetz kennt zwar sogenannte „Reizstoffsprühgeräte“ – das wäre so eine Pfefferspraydose, da diese aber ausschließlich zur Tierabwehr verkauft werden, fallen sie nicht in den Anwendungsbereich des Waffengesetzes. Damit darf sie in Deutschland jeder kaufen, besitzen und mitführen. Eine Einschränkung gilt jedoch für öffentliche Versammlungen, wie etwa Demonstrationen. Hier ist ein Mitführen schon auf dem Anmarschweg verboten. Verboten ist das Besitzen und Mitführen von Pfefferspray auch teilweise in unseren Nachbarländern – wie etwa in den BENELUX-Ländern. Auf alle Fälle also vorher kurz die Rechtslage checken, um Ärger zu vermeiden.

Spraydose oder Applikator – Spray, Gel oder Schaum … was ist der Unterschied?

Selbst die Regale der Drogeriemärkte sind mittlerweile von den Spraydosen erobert worden. Sie präsentieren sich dort in allen Größen und Farben. Welche Größe nehmen? Angeboten werden Ihnen Größen von 16 ml für 5,99 EUR bis 750 ml für um die 99,00 EUR. Angesichts der heftigen Wirkung von OC tun es auch die kleineren Behälter (20 ml bis 50 ml).

 

 

Unterschiede gibt es allerdings in dem, was aus der Dose kommt. Da gibt es einmal den Sprühnebel, dann den Sprühstrahl, das Gel oder den Schaum.

Weit verbreitet sind Sprays, die einen feinen Sprühnebel verbreiten, wie beim Haarspray oder Deo

Das hat den Vorteil, dass der Verwender nicht genau zu zielen braucht. Der erhebliche Nachteil – vor allem im Einsatz außer Haus – ist allerdings die Windanfälligkeit der OC-Wolke. Der Verfasser selbst blickt voll Dankbarkeit auf einen – ich wiederhole einen – Sprühstoß zu Testzwecken. Obwohl mit dem Rücken zum Wind stehend, schaffte es die OC-Wolke trotzdem zum Verfasser. Der heftige Husten und das Augentränen dauerten ungefähr eine halbe Stunde …

Besser ist da schon der Strahl

Nachteil: Man muss zielen. Das Zeug tropft unter Umständen auf die Finger. Man fummelt sich im Eifer des Gefechts im Gesicht rum und schon gibt’s wieder Freudentränen. Hier kommen dann auch schon die OC-Applikatoren ins Spiel:

Die Firma „Walther“ bietet eine Vorrichtung an (Walther Pfefferpistole PDP „Personal Defense Pistol“, ca. 49,95 EUR), in die man eine Spraydose mit Strahl einlegen kann. Dieser Applikator – der sogar mit einer Abzugssicherung versehen ist – lässt sich wie eine Wasserpistole bedienen. Feine Sache könnte man meinen. Leider gibt es einen unangenehmen Haken.

 

Zwar nur ein Pfefferspray, aber … als „Anscheinswaffe“ nicht in der Öffentlichkeit führbar!

 

Diese sehr praktische OC-Pistole fällt unter das deutsche Waffengesetz. Warum? Es handelt sich um eine sogenannte Anscheinswaffe nach Anlage 1 zu § 1 Absatz 4 Waffengesetz und darf daher in der Öffentlichkeit nicht geführt werden. Begründung: Sie sieht zu sehr nach einer echten Waffe aus und könnte daher mit einer solchen verwechselt werden. Ansonsten ist die „Walther“ sehr pfiffig und vom Handling und Preis (44,90 EUR incl. OC-Kartusche) interessant.

 

 

Wenig windanfällig sind Gel und Schaum. Bei Schaumsprays klappt das mit dem Zielen ganz gut. Der Schaum ist häufig rot oder grün eingefärbt. Er führt zu einer rein mechanischen Sichtbehinderung und wirkt durch seine große Oberfläche und die Tatsache, dass der Angreifer den Schaum verreibt, sehr effektiv.

Für das Gel gibt es zwei hier zu besprechende Applikatoren der Firma „Piexon“: zum einen den „Guardian Angel II“ …

 

 

Das Gerät ist aufgrund seiner Bauweise und Erscheinungsform im Gegensatz zur „Walther“ keine Anscheinswaffe. Es kann als Tierabwehrgerät also von jedem gekauft, besessen und geführt werden (außer auf öffentlichen Versammlungen s.o.). Es hat zwei Ladungen Pfeffergel. Man zielt mit dem Teil und drückt den Abzugshebel durch. Der Gelflatschen rast mit 50 m/s aus einem der beiden Röhrchen. Der Guardian Angel II (ca. 35,95 EUR) ist auf 4 Meter zielsicher.

… zum anderen, ebenfalls von der Firma „Piexon“: der JPX!

Dieses Teil gilt derzeit ebenfalls nicht als Anscheinswaffe. Es feuert das Gel mit fast 100 m/s aus den Rohren und ist damit bis 7 Meter treffsicher. Rein rechtlich darf es sich jeder umschnallen und damit herumspazieren. Bauartbedingt ist es etwas sperrig. Wer mit dem Gedanken spielt, mit dem JPX auf die Straße zu gehen, sollte ihn besser verdeckt tragen. Wir leben in nervösen Zeiten. Es ist nicht auszuschließen, dass besorgte Bürger die Polizei verständigen, wenn sie das Ding entdecken.

Na dann: let’s spray … oder besser doch nicht?

Pfefferspray (OC) – egal in welcher Form – scheint das ideale Abwehrmittel zu sein. Kein Nahkampf mit Stift und Lampe, preiswert, leicht und effektiv. So weit, so gut.

Gleichwohl gilt dasselbe wie für Stift und Lampe: Sie müssen auch das OC-Spray beherrschen und von Ihren persönlichen und konkreten Risiken her denken. Wo könnte ich in welcher Form OC einsetzen müssen? Wo drohen mir Angriffe, die mit OC abgewehrt werden können? Welche Form von OC ist für mich optimal? Bitte dran denken: Es ist ein Unterschied, ob Sie ein 16 ml OC in der geschlossenen Hand beim Joggen dabei haben, oder einen Piexon JPX im Achselholster spazieren tragen.

Wenn Sie Ihre „Szenarien“ zusammengestellt haben, üben Sie, wie auch bei Stift und Lampe den Einsatz. Ja, es ist schade um das Geld, wenn man das schöne Pfefferspray einfach mal so herumsprayt. Ja, es ist gut investiert, denn wenn Sie in der Aufregung einer Konfrontation mit Mensch oder Tier den Sprayknopf nicht mehr finden, haben Sie ein Problem.

Mit den Applikatoren sollte man auf alle Fälle Zielen üben. Denken Sie aber bitte daran, sich und andere zu schützen.

Im Übrigen:

Ein nicht durch Notwehr gerechtfertigter Einsatz von Pfefferspray gegen einen Menschen ist grundsätzlich eine gefährliche Körperverletzung. OC gilt als gesundheitsschädlich, auch wenn bleibende Schäden meistens nicht verursacht werden. Ist der von Ihnen angesprühte Asthmatiker, kann ein Kontakt mit OC zum Tod des Betreffenden führen. Dann reden wir mindestens über Körperverletzung mit Todesfolge. Klar, in einer Notwehrsituation dürfen Sie OC einsetzen, diese Notwehrlage sollte aber beweisbar vorliegen bzw. plausibel sein.

Sobald Sie OC „ins Spiel“ bringen, verändert sich das „Spiel“ unter Umständen dramatisch. Schon das Ziehen der Spraydose kann zu einem massiven Gewaltausbruch beim Gegner führen, genauso gut aber auch zur Flucht. Was bedeutet das? Das Mitführen von OC schafft per se keine größere Sicherheit, im Gegenteil, der Einsatz vergrößert in der Regel die Unsicherheit. Daher ist die Verwendung von OC nur letzte Möglichkeit. Sie sollte in einer Notwehrsituation konsequent und überraschend erfolgen – die gewonnene Zeit zum Schutz suchen verwendet werden.

Ein paar Worte zu Schreckschusswaffen …

Schreckschusswaffen, also Pistolen oder Revolver, die bauartbedingt keine Projektile verschießen können, unterfallen gleichwohl dem Waffengesetz, sind also echte Waffen nach deutschem Recht. Aus dem Rohr einer solchen Waffe treten heiße Gase aus. Bei aufgesetzten und Nahschüssen können diese tödliche Verletzungen hervorrufen. Neben Signal- und Knallmunition kann mit Schreckschusswaffen auch Pfeffermunition verschossen werden.

Mit dem vollendeten 18. Lebensjahr dürfen Schreckschusswaffen erworben werden. Sie sind außerhalb von befriedetem Besitztum, Wohnung oder Geschäftsräumen ohne einen sogenannten „kleinen Waffenschein“ verboten.

 

 

Die von Pfefferkartuschen abgegebene OC-Menge ist ein kleines Wölkchen. Da dürften Spray, Schaum und Gel überlegen sein. Wollen Sie dennoch eine Schreckschusswaffe mitführen, ist ein Revolver zu empfehlen. Pistolen sind komplex in der Anwendung und nicht so robust wie Revolver. Sehr wichtig ist auch ein gutes Holster, um den Revolver verdeckt zu tragen. Der Umgang mit einer Schreckschusswaffe ist im Übrigen genauso wie mit einer scharfen Waffe einzuüben. Der kleine Waffenschein verlangt keine Sachkundeprüfung. Das erforderliche Wissen müssen Sie sich im eigenen Interesse selbst aneignen. Wie auch beim Spray sollten Sie sich Ihre Einsatzszenarien sehr realistisch vorstellen und sich darauf vorbereiten.

Wie beim Spray gilt jedoch im Ernstfall – nicht mit dem Teil drohen. Wenn eine Notwehrlage gegeben ist: ziehen, schießen und Schutz suchen!

Es gibt im Netz eine ständige Diskussion über die Verwechselungsgefahr von Schreckschusswaffen mit echten Schusswaffen. Selbst Fachleuten fällt es manchmal schwer, den Unterschied sofort zu erkennen. Sicherheitskräfte und Polizei werden zu ihrer eigenen Sicherheit zunächst von einer Schusswaffe ausgehen. In einer Konfliktsituation mit Schreckschusswaffeneinsatz ist für die dazukommende Polizei nicht immer gleich klar, wer Opfer und wer Täter ist. Wer in einer solchen Situation mit seiner Schreckschusswaffe herumfuchtelt, begibt sich in erhebliche Gefahr.

 

PRAXISHINWEIS:

Dieser Beitrag ergänzt die Reihe „Übergriffe im Alltag“.

Teil 1: „Awareness“ und „EDC“

Teil 2: „EDC – Tactical Pen und Taschenlampe“