Organisations- und Führungskonzepte

Manipulierte Bilder erkennen

©Bulat-Fotolia.com

Kommt es irgendwo auf der Welt zu einer größeren Gewalttat oder verwüstet eine Naturkatastrophe ganze Landstriche, machen binnen kurzer Zeit Fotos und Filmaufnahmen angeblicher Augenzeugen die Runde. Dabei gilt: Je spektakulärer das Bild und je unklarer die Lage, desto größer die Verbreitung. Oft reicht schon die Verwendung des jeweils beliebtesten Hashtags, um falsche Bilder in den Umlauf zu bringen.

Nach dem Amoklauf in München verbreiteten sich schnell Bilder von angeblichen Augenzeugen im Netz. Nicht alle Bilder und Videos waren reale Aufnahmen, einige waren gefälscht oder aus dem Zusammenhang gerissene ältere Aufnahmen. Dennoch verbreiteten sie sich ungeprüft und rasend schnell. Unser Gehirn erfasst Bilder schneller und leichter als das gesprochene oder geschriebene Wort. Damit haben sie eine hohe Wirkung auf unsere Auffassung, unser Verständnis und unsere Meinungen. Bilder waren schon immer ein wichtiger Faktor der Information und sind es auch in der bewussten Desinformation.

Die Macht visueller Reize

Ihre Wirkungsmacht ist darauf zurückzuführen, dass wir uns visuellen Reizen kaum verschließen können. Unsere Augen sind immer auf. Und auch wenn wir nicht immer gleich alles glauben, was wir lesen oder hören, sind wir sehr viel schneller bereit einem Foto zu trauen und das Motiv unkritisch als Tatsache zu bewerten. Denn dem, was wir sehen, vertrauen wir deutlich eher. Diese Misstrauenslücke in unserem Gehirn nutzen auch Fake News und Desinformationen, indem das Abgebildete verzerrt dargestellt oder aus dem Zusammenhang reißen – was deutlich einfacher, ist als eine Fälschung und auch viel häufiger geschieht.

Kunst oder Fälschung?

Fotografie war schon immer mehr als nur das Abbilden der Realität. Fotografie ist auch eine Form der Kunst. Die entscheidende Frage ist, ob der Betrachter erkennen kann, ob er sich das Werk eines Künstlers ansieht oder eine fotografische Abbildung der Realität. Natürlich muss es auch journalistisch arbeitenden Fotografen gestattet sein, ihre Bilder am PC zu optimieren. Aber dabei sollten einiges beachtet werden.

„Ein Regelverstoß wäre beispielsweise eine Kopier-Retusche, mit der man eine Bildregion vom Punkt A zum Punkt B verlegt. Hier ist die Grenze der Bearbeitung überschritten«, erklärt der Bildforensiker Jens Kriese im Gespräch mit dem Faktenfinden, dem Rechercheportal der Tagesschau. Ein Beispiel ist ein Bild eines Fotografen der Agentur Reuters aus dem Jahr 2006. Er hatte Rauchwolken nach einem israelischen Bombenangriff auf Beirut verstärkt. Dabei brachte er den Photoshop-Stempel zum Einsatz und vermehrte so die Wolken. Wolken weisen aber keine sich wiederholenden Mustern aus. Sie sind immer unregelmäßig. Reuters akzeptiert von seinen Fotografen heute nur noch völlig unbearbeitete JPEG-Daten direkt aus der Kamera.

Ein weiteres Beispiel ist die BP-Affäre Deepwater Horizon. BP bemühte sich damals auf den Pressefotos, die das Unternehmen veröffentlichte, alles möglichst sauber und kontrolliert aussehen zu lassen. Einer der beauftragten Fotografen hatte es dabei etwas übertrieben. Er hatte die Farbsättigung sehr stark erhöht, so dass der Himmel immer rein blau erschien und die Anzüge der Arbeiter immer leuchtend weiß.

Mit Schatten experimentieren

Fehlende Schatten können ein Hinweis auf plumpe Manipulation sein. Aber nicht jeder Schatten, der dem Betrachter seltsam vorkommt, ist ein Zeichen für eine Bildfälschung. Ein sehr gutes Beispiel: Es gibt Menschen, die nicht an die amerikanische Mondlandung glauben. Als Beweis führen Sie ein Bild an, bei dem die beiden Schatten der Astronauten nicht so verlaufen, wie es die Geometrie erwarten lässt. Das liegt aber an der Oberfläche des Mondes. Außerdem befinden sich die Astronauten an einem Kraterrand. Wie sich der Schattenwurf an einem Kraterrand auf dem Mond verhält, ist vielen nicht klar. Kriese rät zu einem einfachen Experiment: »Nehmen Sie zuhause Spielfiguren und stellen sie sie in einen Suppenteller – ähnlich wie die Astronauten am Kraterrand – und sie werden sehen, dass die Schatten nicht so fallen, wie es plausibel scheint.«

Manipulationen erkennen

Professionelle Fakes sind auch für erfahrene Profis schwer zu erkennen. Aber es gibt einige Tipps, wie gefälschte Bilder erkannt werden können: Zum Beispiel an unnatürlichen Mustern und Wiederholungen und an unnatürlichen Farben.

  • Sehen die Objekte übersättigt oder zu blass aus, sollte das irritieren.
  • Genauso wie Retusche-Artefakte. Fälschungen entstehen oft unter Zeitdruck. Stehengebliebene Elemente wie eine Fußspitze oder doppelte Bildartefakte können erste Hinweise für den Laien sein.
  • Auch harte Übergänge in Bildbereichen, die nicht plausibel erscheinen, deuten auf Fotocollagen hin. Um ein Foto als Collage zu enttarnen, benötigen Sie lediglich die Zoom-Funktion eines Foto-Programms oder der Standard Windows-Fotoanzeige. Zoomen Sie an bestimmte Stellen des Bildes heran, z.B. an die Abgrenzungen von Körpern und Hals. Finden Sie hier leichte Übergänge, spricht das dafür, dass ein Kopf auf einen anderen Körper gesetzt wurde.
  • Sind Teile des Bildes verschwommen oder seltsam verpixelt, deutet das auf eine Nachbearbeitung hin. Die Ränder von Übergängen werden meist verwischt, um die Collage zu vertuschen. Das verursacht wiederum die Unschärfe in Teilbereichen des Bildes.
  • Die Bilderrückwärtssuche von Google hilft, zu prüfen, ob sich der Fälscher das Bildmaterial nicht einfach nur aus dem Netz zusammengeklaut hat.
  • Die Metadaten des Bildes zeigen detaillierte Angaben zu dem Kameramodell, der Aufnahme sowie Datum und Uhrzeit des Bildes und manchmal auch die GPS-Ortskoordinaten. Diese sogenannten Exif-Informationen können Aufschluss über die Echtheit eines Fotos geben.

Auch Unternehmen sind immer wieder von gefälschten Bildern in den sozialen Medien betroffen.

Die Geschäftemacher

Wer sind die Menschen, die gezielt unwahre Artikel streuen? Und warum? Einer von denen, die hinter den Fake News stecken ist Jestin Coler, der Gründer und Chef des Unternehmens Disinfomedia.inc. Seine Firma unterhält etliche Falschnachrichten-Seiten. Coler ist einer der Falschnachrichten-Macher. Seit 2013 veröffentlicht er echt wirkende Nachrichten, die allerdings frei erfunden sind. »Ich wollte eine Webseite schaffen, die von der ultrarechten Bewegung wahrgenommen wird. Mein Ziel war, offenkundig falsche oder ausgedachte Geschichten zu platzieren um dann hinterher darauf zu verweisen, dass das reine Erfindung war«, erzählt er in einem Interview mit dem US-amerikanischen Radiosender National Public Radio.

Heute beschäftigt Disinfomedia.inc 25 – 30 Autoren. Coler erzählt, es habe ihn überrascht, wie häufig seine Falschnachrichten, seine fake news, im zurückliegenden Wahlkampf bei Google oder Facebook angeklickt worden seien. Wie die Geschichte, dass ein FBI-Agent, der im Email-Skandal von Hillary Clinton verwickelt gewesen sei, tot aufgefunden wurde. Der Artikel mit seiner reißerischen Überschrift schien von der Zeitung »Denver Guardian« zu stammen. Nur: eine solche Zeitung gibt es gar nicht.

»Die Leute wollten das hören. Alles an der Geschichte hatte ich mir ausgedacht: die Stadt, die Leute, den Sheriff, den Typen vom FBI – unsere social media Redakteure haben den Artikel gezielt bei Trump-Anhängern und in Trump-Foren platziert und die Geschichte verbreitete sich wie ein Lauffeuer.« Und mit jedem Klick werden seine Seiten interessanter für Werbetreibende. Zwei andere Autoren für Falschmeldungen, die die Los Angeles Times in Long Beach ausfindig machte, gaben an pro Monat zwischen  10.000 und 40.000 Dollar mit Werbung auf ihren Seiten einzunehmen. Facebook und Google haben inzwischen angekündigt, keine Werbung auf Seiten mit erfundenen Geschichten mehr zulassen zu wollen.

Quelle:

InfoSicherheit, Das Fachmagazin für Sicherheit in der Wirtschaft, Ausgabe 2/2017, S. 24-25