Sicherheitskonzepte

Günther Kreit: „Bei internationalen Großveranstaltungen muss auch immer ein Anschlagsszenario einkalkuliert werden.“

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Nachfolgend präsentieren wir Ihnen aus unserem Online-Magazin PUBLICUS ein Interview mit Ltd. Polizeidirektor Günther Kreit vom Polizeipräsidium München. Er ist langjähriger Einsatzleiter bei den Fußballspielen in der Münchner Allianz Arena. Kurz vor Ende seiner Dienstzeit erlebte er mit dem Greenpeace-Aktivisten beim EM-Spiel Deutschland gegen Frankreich noch eine äußerst heikle Situation. Hierbei wurden auch zwei Menschen verletzt.

Können Sie in groben Zügen das Sicherheitskonzept vor dem Spiel umreißen?

Kreit: Nach langer Zeit durften wieder Zuschauer ins Stadion, wenn auch in begrenzter Zahl. Auf diese neue Situation hatten wir uns im Austausch mit dem DFB und der UEFA intensiv vorbereitet. Natürlich muss bei internationalen Großveranstaltungen auch immer ein Anschlagsszenario einkalkuliert werden. Auch hier haben wir umfangreiche Vorkehrungen getroffen. Ein gewisses Restrisiko ist dabei nicht zu vermeiden.

Wann erhielten Sie Kenntnis von dem herannahenden Motorschirmflieger?

Kreit: Ich persönlich wurde über einen kurz vor der Landung im Stadion erfolgten Funkspruch auf die Situation aufmerksam.

Welche Optionen standen für Sie im Raum? Was haben Sie unternommen?

Kreit: Nach der Landung galt es, schnell einen Überblick über die konkrete Lage zu bekommen. Welche Gegenstände führte der Täter mit sich? Gehen von diesen Gefahren für das Publikum aus? Wie viele Verletzte gibt es?  Muss die Veranstaltung unterbrochen werden? Die Festnahme des Täters erfolgte sehr rasch und auch die weiteren Abklärungen konnten zügig erfolgen. Die Einsatzkräfte wurden für Folgeaktionen sensibilisiert. Solche blieben jedoch zum Glück aus.

Der Bayerische Innenminister Hermann hat angedeutet, dass grundsätzlich auch ein terroristischer Angriff ex ante nicht hätte ausgeschlossen werden können. In den Medien wurde gemutmaßt, dass vielleicht nur die Greenpeace-Aufschrift des Akteurs seinen Abschuss verhindert hat. Wie sehen Sie das?

Kreit: Für die Einsatzkräfte ist eine konkrete Beurteilung der jeweiligen Einsatzsituation entscheidend. Hieraus für die Zukunft abzuleiten, wie eine Greenpeace-Aufschrift in die Situation passt, wäre spekulativ.

Bei den weiteren EM-Spielen nach dem Frankreich-Spiel hat die Polizei massiv aufgerüstet. Eine Hubschrauberstaffel und Spezialeinheiten waren u.a. bei den weiteren Spielen im Einsatz. Kann damit eine ähnliche Situation verhindert werden, ggf. wie?

Kreit: Hubschrauber und Spezialeinheiten waren auch beim Frankreich-Spiel bereits im Einsatz. Die Anzahl wurde allerdings nochmals erhöht. Über die Einsatztaktik der Spezialkräfte darf ich hier natürlich nicht berichten. Nur so viel: Wir sind auf sehr viele Szenarien vorbereitet und lernen natürlich aus eigenen Erfahrungen und den Berichten anderer Polizeien ständig dazu.

Gegen den Aktivisten beim Frankreich-Spiel ermitteln Staatsanwaltschaft und Polizei wegen gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr und gefährlicher Körperverletzung. Können Sie zum Stand der Ermittlungen und zu möglichen Strafen etwas sagen – auch wenn letztlich Gerichte entscheiden?

Kreit: Über den Stand der Ermittlungen darf ich auf die bereits erfolgten Presseberichte der Münchner Polizei verweisen. Weitere Details sind noch nicht pressefrei. Ich hoffe, das Gericht berücksichtigt bei der Strafe, dass zahlreiche Zuschauer in eine aus meiner Sicht lebensgefährliche Situation gebracht wurden. Ein solch verantwortungsloses Verhalten ist durch nichts zu rechtfertigen.

Nun zu einem anderen Bereich der Sicherheit. Welche Corona-Vorkehrungen und Sanktionen werden von der Polizei bei Fußballspielen in dieser Größenordnung getroffen? Wie weit hielten sich die Zuschauer an Vorschriften?

Kreit: Die Vorgaben der Gesundheitsbehörden waren speziell für diese Veranstaltung erlassen worden. Sie richteten sich zum einen an die Besucher, aber natürlich insbesondere an den Veranstalter. Dieser ist für die Einhaltung der Vorschriften verantwortlich. Er setzte auch speziell geschulte Volunteers ein. Im Eingangsbereich war die Einhaltung der Vorschriften gut. Auf den Rängen gab es durchaus Defizite. Aber auch hier war in erster Linie der Veranstalter gefordert.

Generell attestiert man der bayerischen Polizei ja ein besonnenes, aber konsequentes Vorgehen bei (Fußball-)Großveranstaltungen. Gibt es – im Licht neuerer Entwicklungen – dennoch Anlass für Verbesserungen?

Kreit: Die vielen Veränderungen der Einsatzsituationen stellen uns tatsächlich immer wieder vor Herausforderungen. Auch bei den Fußballveranstaltungen wird die Rückkehr der Fans in die Stadien regelmäßig neue Bewertungen erforderlich machen. In der Allianz Arena reagieren Betreiber und Veranstalter sehr professionell auf diese Situationen. Auch die Fangruppierungen sollten die Chance nutzen, zu erkennen, dass der friedliche Verlauf einer Veranstaltung das Ziel der Polizei ist.

Allgemein nimmt die Aggressivität und Gewalt gegen Polizisten ja leider zu. Ist das bei Fußballveranstaltungen auch der Fall? Gibt es spezielle Deeskalierungsstrategien in diesem Bereich?

Kreit: Unsere Einsatzkräfte sind im Umgang mit solchen Situationen geschult. Wir setzten auch speziell ausgebildete Kommunikationsteams ein, die auf Fangruppierungen zugehen und die Regeln aufzeigen. Auch die Zusammenarbeit mit den Fanprojekten war mir immer wichtig und ich suchte vor jedem Spiel den persönlichen Kontakt.

Im Anschluss an das Frankreich-Spiel kam es nicht mehr zu so spektakulären Situationen wie eingangs erwähnt. Gleichwohl kann der Einsatzleiter natürlich nicht während des ganzen Spiels dieses verfolgen. Bekamen Sie wenigstens in den weiteren Spielen noch teilweise etwas mit?

Kreit: Tatsächlich habe ich dieses Turnier, zumindest was die Spiele in München anbelangt, kaum wahrgenommen. Es waren immer wieder Dinge zu organisieren, sodass für den Blick auf das Spielfeld kaum Zeit übrigblieb. Aber ich war ja schließlich nicht zum meinem Vergnügen im Stadion.

Herr Kreit, wir danken für das Gespräch und wünschen Ihnen einen erfüllten Ruhestand, in dem Sie Fußballspiele nur genießen können.