Sicherheit

Unternehmenssicherheit in einem komplexen Aufgaben- und Akteursspektrum

Erweiterung des Bedrohungsspektrums






Die 14. Ergänzung Mai 2013 zum Werk Ohder (Hrsg.), Unternehmensschutz – Praxishandbuch ist in Vorbereitung. Hier die Kurzfassung zu Kapitel A 2 Unternehmenssicherheit in einem komplexen Aufgaben- und Akteursspektrum als Vorabdruck.



Sicherheitspolitik findet verstärkt unter den Bedingungen von Unsicherheit statt, die durch eine multipolare Ordnung, wirtschaftliche Globalisierung, die Informationsrevolution und tief greifende Veränderungen, demographische Entwicklungen und Wanderungsbewegungen gekennzeichnet sind. Insofern besteht eine Konfrontation mit Risiken und Bedrohungen.

Neue Bedrohungen gehen nicht nur von Staaten aus, deren Bedrohungspotenzial bekannt ist und auf die man sich durch nationale Vorsorge – eingebunden in supra- und internationale Strukturen – einstellen kann, sondern zunehmend von nichtstaatlichen Akteuren, welche die Vorteile der Globalisierung nutzen. Die Träger innerstaatlicher Konflikte sind somit nicht mehr (ausschließlich) Regierungen, sondern beispielsweise um Autonomie und Sezession kämpfende Gruppen mit ethnischer, religiöser oder innerstaatlich-nationaler Motivation. Zum Teil sind die Akteure im Zuge der Schattenglobalisierung mit der Weltwirtschaft verbunden und beziehen daher ihre Ressourcen.

Zusammenhang innerer und äußerer Sicherheit

Auch für die Innere Sicherheit des Staates, der auf die innerstaatliche Verbrechensbekämpfung ausgerichtet war, hat dies grundlegende Folgen: Es kämpfen sehr “unterschiedliche” Kontrahenten mit “ungleichen Mitteln”. Die Akteure sind zunehmend weltweit vernetzt und transnational tätig, innere und äußere Sicherheit ist nur unklar zu definieren. Insofern ist ein Umfeld entstanden, in dem interne und externe Sicherheitsaspekte nicht mehr voneinander zu trennen sind. Innere Sicherheit ist vielmehr Voraussetzung für eine wirksame Abwehr äußerer Bedrohungen. “Zivilschutz” wird durch den Begriff “Bevölkerungsschutz” erweitert und ist eine – wenn auch nicht legal definierte – Staatsaufgabe.

Erzielen von Gewinnen

Der Zweck eines Unternehmens in einer sozialen Marktwirtschaft dient dem Erzielen von Gewinnen. Die Unternehmenssicherheit ist grundsätzlich auch diesem Zweck unterworfen. Daher wird dieser Bereich aus unternehmerischer Sicht vor allem als Kostenfaktor angesehen, welcher den Unternehmensgewinn schmälert. Nur allzu selten wird das Thema als unverzichtbarer Bestandteil der Wertschöpfungskette eines Unternehmens erkannt, welcher zumindest die Voraussetzungen für die Generierung von Märkten, Geschäften und Gewinnen ist, indem erst durch die Etablierung eines angepassten und wirkungsorientierten Sicherheitsmanagements die verantwortbaren Grundlagen für unternehmerisches Tätigwerden in einem schwierigen Umfeld geschaffen werden, oder welches zumindest ein tragfähiges Fundament für deren Sicherung darstellt, und somit unverzichtbarer und integraler Bestandteil des Unternehmens selbst ist.

Unternehmenssicherheit

Da das Thema Unternehmenssicherheit besonders für große deutsche global und transnational agierende Wirtschaftsunternehmen nicht neu ist, hat es auch in den vergangenen Jahren Entwicklungen in den unternehmensinternen Wahrnehmungen des Problemfeldes gegeben, welche in ihren organisatorischen Konsequenzen noch nicht allumfassend abgeschlossen sind, die aber Veränderungen in der grundlegenden Wahrnehmung der Aufgabe i.S. einer ganzheitlichen integrierten Materie darstellt.

Unternehmenssicherheit gewinnt für mittelständische Unternehmen insofern an Bedeutung, als dass diese sich oftmals in einer Welt der Globalisierung nicht allein auf nationale und europäische Märkte fokussieren können, sondern an entsprechenden Marktentwicklungen teilnehmen müssen. Daher weitet sich der Aktionsraum mittelständischer Unternehmungen auch zunehmend weit über den europäischen Markt hinaus aus. Hier finden sie demzufolge sehr häufig “Umwelt-” und Marktbedingungen vor, welche für sie neu sind und nicht unbedingt den traditionellen und gewohnten Bedingungen am “sicheren” Standort Deutschland entsprechen.

Strategische Betrachtungen von Räumen und Märkten

Chancen und Risiken müssen sorgfältig bewertet werden. Abgeleitete Entschlüsse müssen die festgestellten Risiken berücksichtigen, indem sie durch geeignete Maßnahmen getragen werden. Hierbei geht es somit um strategische Betrachtungen von Räumen und Märkten, in denen man sich engagieren möchte, aber auch um transnational und regional agierende Akteure, welche ggf. nicht nur als potentielle Konkurrenten zu betrachten sind sondern welche unter Umständen auch als sicherheitspolitisch Handelnde Einfluss auf die Unternehmen sowie die strategischen Unternehmensentscheidungen haben.

Die Wahrnehmung von Räumen, Akteuren, Produkten und Märkten, wie auch das eigene Handeln und Unterlassen kann ebenfalls extern vor Ort und am “heimatlichen” Unternehmensstandort verschiedenen Beurteilungsmaßstäben und Beurteilungen in geopolitischer, unternehmenspolitischer, ethischer und rechtlicher Hinsicht obliegen.

Angriffspunkte und Verletzbarkeit moderne Industriegesellschaften

Krisen, wie sie durch Ertragsschwächen und Insolvenzrisiken von Unternehmungen entstehen, sind grundsätzlich keine Problemfelder. Gleichwohl können Handlungen oder auch Unterlassungen der Unternehmenssicherheit auf Ertrag und Bestand des Unternehmens rückwirken. Die in diesen komplexen Zusammenhängen aufgeworfenen Fragestellungen verlangen nach differenzierten Antworten, welche den jeweiligen vielschichtigen und mehrdimensionalen Kontexten auf den unterschiedlichen Betrachtungsebenen gerecht werden. Nur so lassen sich Lösungsansätze konstruieren, welche einer ganzheitlichen und umfassenden Überlegung sowie den tatsächlichen Erfordernissen und Anforderungen standhalten.

Derartige Überlegungen schließen eine strategische Risikoanalyse und ein entsprechendes proaktives, wie auch ggf. reaktives strategisches und operatives Krisenmanagement ein. Das betrifft ebenso die Wechselwirkungen unterschiedlicher Handlungsebenen innerhalb des Unternehmens und auch in Beziehung zu externen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren. Hierauf muss sich ein Unternehmen in personeller, organisatorischer, aber auch vor allem auch in Hinsicht auf das eigene unternehmerische Selbstverständnis, das unternehmensinterne Sicherheitsverständnis und die Unternehmenskultur einstellen und ausrichten.

Unternehmenssicherheit wird klassisch vornehmlich aktiv als Unternehmensschutz verstanden; als Schutz des Unternehmens vor negativen, unerwünschten Beeinträchtigungen jeglicher Art, welche die Personen, Betriebs- und Werkanlagen, Produkte, Geschäftsfelder, Märkte, Kunden und Interessen einer Unternehmung betreffen.

Unternehmenssicherheit muss aber in einem umfassenderen Sinne verstanden werden. Es gilt also, alle Systeme nachhaltig zu schützen, welche in einem geographischen oder organisatorischen Bereich definierte Leistungen für eine Vielzahl von Nutzern bereitstellen und deren Einschränkung ihrer Funktionsfähigkeit erkennbar dazu führen kann, dass wichtige Aufgaben in einem Unternehmen nicht mehr wahrgenommen werden können.

Viele Firmen sind von den gleichen Risiken betroffen wie die Nationalstaaten, und die hiervon ausgehenden Gefahren unterstreichen, dass Unternehmen nicht mehr einfach nur ihrem Kerngeschäft nachgehen und die sicherheitspolitischen Entwicklungen ignorieren können. Fraglich ist hier, ob – außer einigen für die Sicherheit direkt Verantwortlichen – in den Unternehmen der Wirtschaft das Bewusstsein dafür vorherrscht, dass die Sicherheit nicht erst am Werkszaun beginnt. Auch die Unternehmenssicherheit hat einen Interessenbereich wahrzunehmen, aus dem auf das Unternehmen eingewirkt werden kann und aus dem sich Bedrohungen ergeben könnten.

Ganzheitliche Sicherheitskonzepte

Moderne Unternehmenssicherheit muss sich als umfassendes Risikomanagement verstehen, das Sicherheitsaufgaben ganzheitlich sieht, als integrierten Bestandteil betrieblicher Gefahrenabwehr, bei der das präventive und operative Krisenmanagement eine immer wichtigere Rolle spielt. Diese Überlegungen müssen auch Eingang in die ganzheitlichen Sicherheitskonzepte der Unternehmen finden und zur Herausarbeitung von Maßnahmen und Forderungen zu ihrer Umsetzung führen, die diesen Bedrohungen in angemessener Weise begegnen.

Diese Unternehmen stehen bei der Wahrnehmung ihrer Sicherungsaufgaben in einem Spannungsverhältnis zur wirtschaftlichen Marktsituation, die sie zwingt, im Interesse ihrer Wettbewerbsfähigkeit die Aufwendungen und Kosten für die Bereitstellung ihrer Leistungen und gegebenenfalls redundanter Systeme gering zu halten. Unternehmenssicherheit muss wesentlicher Bestandteil des Shareholder-Value werden. Dazu gilt es auch hier bei Vorständen, Geschäftsführern, der Belegschaft und den Aktionären ein entsprechendes Bewusstsein zu entwickeln.

Bedeutung von Sicherheitspartnerschaften

Durch die zunehmende Verlagerung wesentlicher Strukturen der öffentlichen Daseinsvorsorge und deren Privatisierung zu Wirtschaftsunternehmen bei gleichzeitigem Abbau von (unwirtschaftlichen) Redundanzen ist deren gesamtwirtschaftliche und gesamtgesellschaftliche Bedeutung gestiegen. Die Funktionsfähigkeit ist mit der Aufrechterhaltung der politischen Steuerungsfähigkeit nahezu gleichzusetzen und eine unabdingbare Voraussetzung.

Die Kooperation und der gegenseitige fachliche Austausch von Sicherheitsverantwortlichen und Spezialisten an den mannigfaltigen Schnittstellen öffentlicher Einrichtungen, Behörden und der Privatwirtschaft bekommt unter diesen Gesichtspunkten zunehmend existenzielle Bedeutung zur Aufrechterhaltung des gesamtwirtschaftlichen Systems. Hintergrund dieser Entwicklung ist der Rückzug des Staates aus vielen Funktionen und Bereichen. Hiervon ist auch das Gebiet der inneren Sicherheit betroffen. Es muss daher eine vertrauensvolle Sicherheitspartnerschaft für das Zusammenwirken unterschiedlicher staatlicher und gesellschaftlicher Institutionen zur Steigerung der Effektivität von Sicherheitsfunktionen geben.







Sicherheitspartnerschaft


  • Alle Säulen der staatlichen Sicherheitsvorsorge, Zivil- und Katastrophenschutz, Polizeien von Bund und Ländern, Nachrichtendienste und Streitkräfte sind einzubeziehen. Fachleute der zivilen Verwaltung und der Unternehmen sind gefragt.

  • Terroristische Aktionen können katastrophenähnliche Auswirkungen haben. Die Störung Kritischer Infrastrukturen hat nicht nur Auswirkungen auf die Sicherheit der Zivilbevölkerung, sondern auch auf freien Waren- und Dienstleistungsverkehr, auf den Investitionsstandort, das Wirtschaftswachstum und die Funktion von staatlichen Einrichtungen, die die Wirtschaft benötigt.

  • Es liegt im gemeinsamen Interesse von Staat und Wirtschaft, dass Unternehmen frühzeitig Kenntnis über gefährdungsrelevante Sicherheitslagen erhalten. Aber es bleiben Unterschiede in der Bewertung von Risiken und Bedrohungen.

  • Die Internationalisierung der Wirtschaft hat allerdings die Souveränität der Volkswirtschaften in eine neue Qualität gebracht. Die Herausforderung besteht darin, privatisierte Träger in das staatliche Krisenmanagement einzubinden.