Gefahrenabwehr

Aktuelles zum Brandschutz: Fassadenbrände

Lebensgefahr durch leicht entflammbare Gebäudedämmungen

Der Informationsdienst Sicherheits-Berater dokumentiert in seiner aktuellen Ausgabe vom 1. Juli das erhöhte Brandrisiko, das bei Gebäudefassaden durch brennbare Wärmedämmungen aus geschäumtem Erdöl besteht. Er analysiert die „erbarmungslose Dynamik eines Fassadenbrandes“ am Beispiel echter Brandszenarios und beschreibt Maßnahmen zu deren Vermeidung. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Gefährlichkeit von Doppelfassaden gelegt, wie sie üblicherweise bei gewerblich oder öffentlich genutzten Immobilien und großen Bürogebäuden verbaut werden. Geraten Gebäude mit Doppelfassaden in Brand, stehen sogar die Löscharbeiten der Feuerwehr in Frage.

Wärmedämmung mit brennbaren Materialien

Die immer schärfer werdenden Auflagen zur Energieeinsparung verlangen das „Verpacken“ von Gebäuden als eine der effizientesten Maßnahmen. Beim Bau von Gebäuden ist das Erneuerbare Energie-Wärmegesetz in der gültigen Fassung in jedem Falle einzuhalten. Schließlich ist die Energieeinsparung immer dann am größten, wenn man Energie erst gar nicht aufbringen muss. Aus Sicht von Brandschützern bringt die Wärmedämmung mit brennbaren Materialien an der Fassade ein sehr hohes und unnötiges Brandrisiko mit sich.

Brandrisiko

Unnötig ist das Brandrisiko deshalb, weil alternativ zu den brennbaren Wärmedämmmaterialien auch nicht brennbare der Baustoffklasse A erhältlich sind, aus Kostengründen aber nicht eingesetzt werden. Brennbare Wärmedämmmaterialien bestehen aus „geschäumtem Erdöl“, sind oft sehr schnell entflammbar und brennen unter einer schnellen und hohen Energieabgabe ab. So kann sich der Brand über die Fassade auf andere Geschosse ausdehnen Ein Blitzeinschlag kann einen Fassadenbrand auslösen, wenn brennbare Materialien eingesetzt wurden. Nicht brennbare Beschichtungen wie Putz oder andere Fassadenverkleidungen bieten keinen ausreichenden Schutz.

Auch mit Löschtechnik gut ausgestattete Berufsfeuerwehren bekommen erhebliche Probleme. Die schnelle Ausbreitung des Feuers im entsprechenden baulichen Umfeld ist oft genug Hauptverursacher großer Schäden. Der Umstand, dass den Feuerwehrkräften der direkte Zugang zum Brandherd durch die Fassadenkonstruktion versperrt wird und sich der Brand ungehindert ausbreiten kann, darf nie aus den Augen verloren werden.

Doppelfassaden

Neben der Wärmedämmung mit Verbundsystemen gibt es weitere technische Maßnahmen, die zwar der Energieeinsparverordnung genügen, unter brandschutztechnischen Gesichtspunkten aber ebenfalls als kritisch zu betrachten sind. Die sog. Doppelfassaden bestehen aus zwei Ebenen, von denen die äußere gegen Umwelteinwirkungen schützt. Der Luftraum zwischen den beiden Fassadenebenen kann bis eineinhalb Meter breit sein.

Die Brandbekämpfung wird durch die beiden Ebenen einer Doppelfassade folgenschwer behindert oder verhindert. Brennbare Wärmedämmmaterialien können den Schaden vergrößern.

„Offene“ Doppelfassaden über mehrere Geschosse

Optimal aber kostspielig sind Doppelfassaden mit einer Vielzahl von gegeneinander abgeschotteten „Zwischenräumen“. Keineswegs empfehlenswert sind „offene“ Doppelfassaden über mehrere Geschosse. Hierzu liegen noch keine Erfahrungswerte vor und es ist zu erwarten:


  • Flammen und Rauch breiten sich ungehindert im Fassadenzwischenraum aus.

  • Im schlimmsten Falle entfacht sich der Brand durch die Kaminwirkung des Fassadenzwischenraumes und greift auf andere Geschosse über.

  • Die Glasscheiben der äußeren Ebene bersten nicht oder zu spät, was nicht nur die schnelle Brandausweitung fördert. Durch den „Hitzestau“ zwischen den beiden Ebenen und die enorme thermische Belastung können große Teile des Bauwerks zerstört werden.

  • Gerade im wichtigen Entstehungsstadium eines Brandes kommt die Feuerwehr kaum an die Brandquelle heran.

  • Auch der Fluchtweg über Drehleitern wird in erheblichem Maße behindert, wenn z. B. Fluchtwege durch Anleitern an Fenster geschaffen werden sollen.

Beeinträchtigung der Brandbekämpfung

Durchgehende Doppelfassaden sind eine große Herausforderung für die Brandbekämpfung. Diese Fassadentechnik gibt es bei großen Gebäuden. Die Bauvorschriften fordern, dass die Außenwände aus nicht brennbaren Baustoffen bestehen. Gleiches gilt für Decken und Trennwände zwischen Wohnungen und anderen Bereichen, erst recht für Brandschutzwände. Wenn die „innere Fassade“ nicht der geforderten Qualität entspricht und die Decken, Trenn- und Brandschutzwände nicht fachgerecht an die „äußere Fassade“ anschließen, entstehen große Brandabschnitte oder Deckendurchbrüche, die den Bauvorschriften nicht entsprechen.







Praxishinweise


  • Sowohl bei Neubauten als auch bei Sanierungsmaßnahmen sollten bei Wärmedämmmaßnahmen Materialien der Baustoffklasse A, nicht brennbar, gewählt werden.

  • Brennbare Wärmedämmmaterialien verursachen eine gewaltige Rauchentwicklung. Dichter schwarzer Rauch erschwert die Brandbekämpfung. Nicht brennbare Baustoffe entwickeln gar keinen oder nur ganz geringen Rauch und sind zu bevorzugen.

  • Trotz eines schnellen Löschangriffs muss das für Wärmedämmungsmaßnahmen angebrachte Baugerüst durch Hitzeeinwirkungen gesichert werden.

  • Durch eine Brandschutzverglasung, einen automatischen Verschluss der Fenster durch Rauchmelder im Gebäude, eine rauchmeldergesteuerte RWA, eine Sprinklerung der angrenzenden Räume u.a. kann eine noch vertretbare Situation geschaffen werden.

  • Rettungswege darf es nicht im Fassadenzwischenraum geben. Eindeutig besser ist ein Hauptrettungsweg und ein zweiter Rettungsweg über die Innenflure.


Umweltschutz und Brandschutz nicht zwingend Gegensatzpaare

Der Beitrag richtet sich an Architekten, Bauherren, Bauträger und Brandschützer. Seine Ergebnisse und Empfehlungen sind auch für private Bauherren hilfreich: Der Sicherheits-Berater zeigt, dass sich Umweltschutz und Brandschutz miteinander vereinbaren lassen müssen und auch können.



Sicherheits-Berater

Der Informationsdienst Sicherheits-Berater, herausgegeben von der TeMedia Verlags GmbH, erscheint zweiwöchig seit 1974. Seine Inhalte stammen aus Sicherheitsanalysen für Industrie und Verwaltung, aus der Planung von Rechenzentren, aus Sicherheitskonzepten und dem Leser-Blatt-Dialog. Autoren sind Ingenieure der VON ZUR MÜHLEN’SCHE GmbH. Die Unabhängigkeit von VZM ist seit vierzig Jahren fest in der Firmenphilosophie verankert.