Sicherheit

Sportveranstaltungen als weiches Ziel – Bedrohung durch Terrorismus

Sport als gesellschaftliche Großereignisse

Sportliche Großveranstaltungen sollen Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten miteinander verbinden. Sport als Ereignis soll Begeisterung entfachen. Insbesondere frei zugängliche Veranstaltungen implizieren den Gedanken des Sportsgeistes und besitzen Volksfestcharakter.

Neben dem sportlichen Erlebnis gibt es nicht selten Showeinlagen, Musik und Essensstände. Besonders bei Volksläufen und einem Marathon kann jedermann mitmachen oder zuschauen. Somit nehmen viele Amateursportler teil, die ihrerseits wieder von ihrer Familie und Freunden angefeuert werden. Das Interesse der Zuschauer liegt also darin, Familienangehörige oder Bekannte und Sportler zu sehen und dabei vom Rahmenprogramm unterhalten zu werden.

Erhöhte Vulnerabilität eines attraktiven Anschlagziels

In den vergangenen Jahren konnten sich frei zugängliche, lokale Sportereignisse wachsender Popularität und dadurch wachsender Teilnehmerzahlen und Besucher erfreuen. Das Rahmenprogramm wurde stärker auf Familien ausgerichtet. Ein Stadtmarathon schließt eine komplette Stadt in das Ereignis mit ein.

Ein Attentat trifft die Zivilisation, in der es verübt wird, nachhaltig, zum einen, weil ein ursprünglich fröhlicher Anlass in Gewalt verwandelt wird und zum anderen, weil es die Verletzbarkeit einer ganzen Gesellschaft demonstriert und als Verunsicherung und Skepsis wenigstens mittelfristig erhalten bleibt. Im Falle von ausländischen Attentätern führt dies schnell zum Generalverdacht gegenüber ganzen ethnischen Gruppen.

Angriffe auf Sportveranstaltungen in der Vergangenheit

Es gab schon andere Attentate im Sport. Beispiele sind die Geiselnahme bei den Olympischen Spielen im September 1972 in München, bei welcher 17 Menschen ums Leben kamen oder der Anschlag während den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta, bei dem zwei Menschen starben und 111 verletzt wurden. Zudem gab es Anschläge auf einzelne Sportler von fanatischen Fans eines Kontrahenten, wie beispielsweise auf Monica Seles, die 1993 von einem psychisch gestörten Fan ihrer Rivalin Steffi Graf angegriffen und verletzt wurde. All diese Fälle hatten internationale Bestürzung sowie ein hohes Medieninteresse ausgelöst. Ein Bombenanschlag so unmittelbar im sportlichen Geschehen wie in Boston ist allerdings ein Novum.

Terroristische „Kosten-Nutzen-Rechnung“

Das Attentat in Boston war in der Durchführung einfach und in den Kosten sehr günstig. Die Sprengsätze der Splitterbomben wurden nach schlichter Methode gebaut, Anleitungen dazu finden sich im Internet. Bereits 2010 existierte eine englischsprachige Anleitung auf einer Seite von Al Qaida-Aktivisten. In dieser wurde neben der Anleitung ausdrücklich auf die Vorteile in der Verwendung von Schnellkochtöpfen als Bombenkörper hingewiesen.

Am Anschlagsort in Boston wurde ein Schnellkochtopf mit sechs Liter Fassungsvermögen gefunden, in dem sich eine Mischung aus Nägeln, Kugellagern und Schießpulver als Sprengsatz befand. Die Zündung soll nach Medienberichten mittels einer haushaltsüblichen Eieruhr vorgenommen worden sein. Somit waren alle Bestandteile der hochgefährlichen Splitterbomben Materialien, die jeder mit dem Ziel, Menschen wahllos töten zu wollen, besorgen und mischen kann.

Auswirkungen auf künftige Sportereignisse

Während Täter und Motiv nach dem Anschlag in Boston noch nicht bekannt sind, wurden in den Medien direkt Konsequenzen für andere Sportereignisse diskutiert. Insbesondere Veranstalter von Marathon-Läufen sollten sich äußern, wie sie Sportler und Zuschauer vor solcher Gewalt zu schützen gedenken.

Fest steht: Eine Strecke von 42 Kilometern, wie beim Marathon oder noch längerer Streckenverhältnisse im Wasser und zu Lande wie bei der Triathlon-Extremstrecke des Iron Man, können nicht zentimetergenau überwacht werden. Das Aufkommen von Sportlern und Zuschauern ist dafür zu groß. Darüber hinaus verfügen solche Veranstaltungen über ein Großaufgebot an Rettungskräften.

Gefährdungssituation durch Trittbrettfahrer in Deutschland

Anschläge wie solche in Boston haben nicht lediglich Schrecken durch die demonstrierte Verwundbarkeit der westlichen Gesellschaft zur Folge. Vielmehr besitzen sie Vorbildcharakter für Nachahmungstäter. Je detailreicher die Berichterstattung in den Massenmedien gereift, desto stärker fühlen sich sog. „Trittbrettfahrer“ angesprochen, ebenfalls ihre Macht zu demonstrieren und ihre Gedankenspiele für ein Attentat Realität werden zu lassen. Zudem werden bei den genauen Beschreibungen des Tatablaufes konkrete Pläne zur Durchführung solcher an die Öffentlichkeit übermittelt. Dieses Phänomen wurde beispielsweise bei Amokläufen, die eine hohe mediale Präsenz besaßen, beobachtet. Eine solche Nachahmungstat stellt auch in Deutschland eine schwer einschätzbare Gefahr dar.

Schutz weicher Ziele als sicherheitspolitische Herausforderung

Nach mehr als einem Jahrzehnt des Antiterrorkampfes beherrschten zuletzt wirtschaftliche Probleme die Schlagzeilen. Nach dem Anschlag in Boston zeigte sich Verunsicherung auch in Deutschland. Veranstalter wie die des Berlin-Marathons oder die Organisatoren für Olympia in Rio de Janeiro 2016 sind alarmiert. Derweil ist das Sicherheitsaufgebot und die Abdeckung der medizinischen (Erst-)Versorgung sehr hoch. Einzeltäter stellen dennoch eine Gefahr dar, die von den Sicherheitsbehörden nicht lückenlos kontrolliert werden kann. Einen wichtigen Beitrag können jedoch Zuschauer leisten, die ihre Umgebung aufmerksam beobachten.







Praxishinweise


  • Sportevents bieten als Großveranstaltung terroristisch motivierten Attentätern diverse Vorteile, z.B. Unübersichtlichkeit bei freiem Zugang,

  • Attentäter zielen bewusst auf den medialen Effekt, eine friedliche Veranstaltung in ein blutiges Chaos zu verwandeln. Die in Fernsehen und Internet übertragenen Bilder sind die Trophäen solcher Anschläge.

  • Die Schädigung einer Gesellschaft durch einen solchen Anschlag ist nachhaltig. Nicht nur die Opfer und deren Angehörige sind betroffen, sondern alle Menschen, die solche Bilder sehen und den Schrecken und das Grauen um die Tat teilen.

  • Einen 100%tigen Schutz kann es bei frei zugänglichen Großveranstaltungen nicht geben, jedoch können die Menschen zur erhöhten Aufmerksamkeit aufgerufen und Abläufe zum Eingreifen bei einem Anschlag trainiert werden.