Sicherheit

Fazit Rosenheimer Tür- und Tortage 2014

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Am 15. und 16. Mai kamen über 300 Teilnehmer nach Rosenheim, um sich in 24 Vorträgen ausführlich über Chancen und Anforderungen der Automation sowie neue Normen und Regelwerke zu informieren. „Automatisch in die Zukunft – geht dann alles wie von selbst?“ – dieser Frage gingen die 8. Rosenheimer Tür- und Tortage auf den Grund. Automatische Systeme, die „wie von selbst“ funktionieren machen das Leben einfacher, sicherer und reduzieren auch noch den Energieaufwand. Kompetente Referenten präsentieren unterschiedliche Aspekte dieses Themas.

Bauprodukte die Mensch + Umwelt nützen

Die Welt ist im starken Wandel und die Anzeichen für ein nachhaltiges Wirtschaften häufen sich. Hierzu passte der innovative Ansatz von Prof. Dr. Michael Braungart, der forderte: „Jedes Gebäude sollte verschwenderisch wie ein Kirschbaum in voller Blüte sein, der damit Umwelt und Menschen nützt“. Damit brachte er die Wirtschaftphilosophie des Cradle to Cradle provokativ auf den Punkt. Wirklich „neue“ Produkte sollen nicht nur ein bisschen weniger schädlich, sondern nützlich für die Umwelt sein. Bei Gebrauchsgütern, also auch Gebäuden und Bauelementen, muss die Funktion als Kundenmehrwert im Vordergrund stehen und nicht die Errichtung. Dadurch lohnen sich Investitionen in Qualität, Wartung und Pflege. Dies gilt in besonderem Maße auch für automatische Türen und Tore, die in Funktionsgebäuden, Handel und Industrie Prozesse einfacher, günstiger und sicherer machen. Die Automation aller Lebensbereiche wird durch die fortschreitende Vernetzung und die technischen Möglichkeiten der Smartphones angetrieben, die sich als praktische Alltagshilfen überall etabliert haben, beispielsweise in modernen Fahrzeugen mit Multimedia- und Officefunktionen. Die Komfort- und Sicherheitsargumente überzeugen nun auch immer mehr private Bauherren, so dass sich jeder Hersteller und Anbieter von Türen und Toren mit dieser Thematik auseinandersetzen muss. Die Entwicklungen bei der Automatisierung sind dynamisch, vielfältig und komplex und betreffen Innen- und Außentüren genauso wie Tore, Schlösser und Beschläge. Aber auch neue baurechtliche Anforderungen und nationale und europäische Normen für grundlegende Eigenschaften und Produktbereiche werden den Herstellern und Zubehörlieferanten einige „Hausaufgaben“ bringen. Die aktuellen Informationen der 24 Vorträge sind damit für Unternehmen der Tür- Torbranche eine ideale Grundlage für eine erfolgreiche Planung und strategische Ausrichtung.

Cradle2Cradle (C2C)

Der Auftakt von Prof. Dr. Michael Braungart (EPEA Internationale Umweltforschung GmbH) war ein sehr aufschlussreicher Exkurs in strategisches Marketing. Anhand zahlreicher Beispiele zeigte er, dass die Wirtschaftsweise des „Cradle to Cradle (C2C)“ die Grundlage für den unternehmerischen Erfolg in der Zukunft sein wird, weil uns die knapper werdenden Ressourcen mit steigenden Rohstoffpreisen sowie strengere Auflagen zum Schutz der Umwelt dazu zwingen werden. Im Gegensatz zu heutigen Optimierungsansätzen mit der Minimierung der Stoffströme zwingt C2C zur Neuerfindung von Produkten, sodass zyklische Stoffwechselkreisläufe entstehen, bei der Materialien immer wieder umgebaut und genutzt werden, ohne dass ein Qualitätsverlust stattfindet – so wie es die Natur uns das vormacht. Es gibt zwei Kategorien von C2C-Produkten; sie können entweder als Verbrauchsgüter in biologischen Kreisläufen geführt und natürlich abgebaut werden oder sie lassen sich als Gebrauchsgüter in technischen Kreisläufen ohne Abfall zu 100% wiederverwerten. Bei technischen Produkten wird die Funktion stärker in den Vordergrund treten, und Leasing-/Nutzungskonzepte werden den „Verkauf“ ablösen, wie wir das heute schon beim „Car-Sharing“ oder in der Immobilienwirtschaft kennen. Dadurch wird der Fokus auf Qualität, Wartung und Nutzung gelegt, und neue Geschäftsmodelle entstehen. Die Produkte werden auf Basis einer „Positivliste“ entwickelt, das heißt es werden nur Inhaltsstoffe verwendet, die ohne Schaden in natürlichen Kreisläufen abgebaut werden können. Dadurch erreichen die Produkte eine deutlich höhere Sicherheit und werden in Zukunft herkömmlichen Produkten wirtschaftlich, ökologisch und sozial überlegen sein. Wer heute schon mit dem Umbau beginnt, der wird morgen auch noch erfolgreich sein. Instrumentarien, die dabei helfen, sind Ökobilanzen und die Analyse von Verbraucherwünschen. Dieser grundlegende Paradigmenwechsel ist bereits von namhaften Unternehmen als Leitlinie etabliert worden, darunter Consumermarken wie Puma, Ecover Reinigungsmittel, Steelcase Büromöbel und aus dem Baubereich AkzoNobel Chemieprodukte, Xella Ytong, Drees & Sommer oder Schüco. Auch die Fassadenbegrünung wird in diesem Kontext eine Renaissance erleben.

Automation von Tür und Tor

Der zweite Plenumsvortrag war dann direkt der Einstieg in das Thema Automatisierung. Klaus Hein (ift Rosenheim) zeigt anhand anschaulicher Beispiele, dass die Automatisierung der Alltagswelt nicht nur bei Automobilen ständig voranschreitet. Auch die Automation bei Toren, Karusseltüren und Schiebetüren ist schon Standard. Die bisherigen automatischen „Insellösungen“ müssen nun Schritt für Schritt durch integrierte Systeme abgelöst werden, die auch über geeignete Schnittstellen mit der Haustechnik vernetzt werden können.

Trends und technische Antworten aus der Branche

Im dritten Plenumsvortrag machte Institutsleiter Prof. Ulrich Sieberath (ift Rosenheim) am Freitagmittag  eine Standortbestimmung und bewertete die unterschiedlichen Trends und die möglichen technischen Antworten der Tür- und Torbranche. „Nachhaltigkeit, Sicherheit und Komfort werden als neue mandatierte europäische Anforderungen kommen und die Branche fordern“, so Prof. Sieberath. In punkto Automation haben die Tore ihre Hausaufgaben weitestgehend gemacht und es werden vorwiegend integrierte Systemlösungen angeboten. Dies gilt es nun auf die Haustüren zu übertragen und die Einbindung in die Haustechnik weiter zu vereinfachen und verbessern.

Der Themenkomplex Umwelt und Nachhaltigkeit wurde ergänzt durch den Vortrag von Dr. Peter Sauerwein (Verband der Deutschen Holzwerkstoffindustrie VHI), der über neue Studien für Innentüren berichtete, vor allem die Bewertung der Emissionen, der Neuklassifizierung von Formaldehyd sowie der Umweltproduktdeklaration des Verbandes.

Kosten sparen durch Umweltschutz

Werner Kammerlohr (ift Rosenheim) zeigte, wie Unternehmen mit Umweltschutz ganz konkret Kosten sparen können. Anhand von anschaulichen Beispielen, Berechnungen und Fördertipps zeigte er, dass sich durch die Neuorganisation der Abfallwirtschaft und die Optimierung des Energie- und Stoffverbrauchs erhebliche Einsparpotentiale ergeben, insbesondere durch geringeren Materialeinsatz, gesetzliche Abgaben, Steuern und Versicherungsprämien.

Patrick Wortner (ift Rosenheim) informierte in seinem Vortrag über den aktuellen Stand der Anforderungen und Produktinformationen der Gebäudezertifizierungssysteme LEED, Breeam, BNB und DGNB. Er demonstrierte, wie man mit dem ift Kompass einfach planen kann, welche Nachweise Gebäudezertifizierer von Tür- und Torherstellern brauchen und wie die sogenannte Umweltproduktdeklaration (EPD) optimal als Nachweis verwendet werden kann.

Automation ist kein Hexenwerk

Prof Dr. Michael Krödel (Hochschule Rosenheim) erklärte anschaulich, dass Automation kein Hexenwerk ist. Bereits heute trifft jeder Tür- und Torexperte beim Autokauf wie selbstverständlich Entscheidungen über automatische  Funktionen. Dieses Beispiel gilt es auf die Branche zu übertragen. In seinem Vortrag stellte er die am Markt üblichen Leitungssysteme, Sensoren, Schnittstellen-Protokolle, die Struktur von Serversystemen und weitere praktische Tipps zur Verfügung, mit denen Unternehmen die ersten Schritte Richtung Gebäudeautomation erleichtert werden.

Der Beschlagsexperte Alexander Sauer (ift Rosenheim) stellte die neue Produktnorm für elektromechanische Schlösser (EN 14846) vor und zeigte die Bandbreite der Klassenvielfalt auf, und was bei der Verwendung der Schlösser in Theorie und Praxis beachtet werden muss.

Neue Vorschriften und Regelwerke

Sonja Frieß (Berufsgenossenschaft Handel und Warendistribution) erläuterte die neu erstellten „Technischen Regeln für Arbeitsstätten (ASR) A1.7“ für Türen und Tore vor, die als Leitlinie der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) den sicheren Umgang mit Türen und Toren in Arbeitsstätten sicher stellen soll. Ergänzt wurde dieses Thema von Klaus Hein (ift Rosenheim) durch viele konkrete, praktische Beispiele.

Neben Robert Krippahl (ift Rosenheim), der anschaulich die Anforderungen der neuen Produktnorm für Automatiktüren EN 16361 erklärte, gab Manuel Demel (ift Rosenheim) Auskunft über die relevanten Änderungen der Energieeinsparverordnung (EnEV 2014), die für neue Gebäude ab dem 1. Januar 2016 eine Verschärfung des Jahresprimärenergiebedarfs um 25 % bringt.

Andreas Schmid (ift Rosenheim) gab eine Übersicht über geltende Regelwerke und die wechselweisen Zusammenhänge, um die unterschiedlichen Produktanforderungen strukturiert und effizient zu erfüllen.

Wolfgang Oswald (RAL-Gütegemeinschaft Innentüren) erläuterte dann vertieft die neue DIN 18105 „Wohnungsabschlusstüren“. Die Norm definiert Anforderungen, die eine Wohnungsabschlusstür in der heutigen Zeit erfüllen soll. Die DIN 18105 gibt dabei Orientierung und Hilfestellung für die Ausschreibung und/oder den Auftragnehmer zur Erstellung eines Angebotes. Dabei muss neben dieser Norm zumindest die gewünschte Klasse und der geforderte Schallschutz mit angegeben werden.

Knut Junge (ift Rosenheim) machte in seinem Vortrag unmissverständlich deutlich, dass mit der Einführung der DIN 18040-1/-2 das barrierefreie Bauen „baurechtlich“ verbindlich zu beachten ist und Jörn P. Lass (ift Rosenheim) ging zehn Monate nach der Einführung der Bauproduktenverordnung (BauPVO) auf Besonderheiten und aktuelle Probleme bei der Umsetzung ein.

Vorträge zu Brand- und Rauchschutz

Klaus Dieter Wathling (Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt Berlin) erklärte, welche Auswirkungen einige Änderungen der Bauregelliste für Türen haben. Dr. Gerhard Wackerbauer (ift Rosenheim) machte anhand einiger Beispiele deutlich, wie Hersteller am besten mit der Produktnorm EN 16034 Feuer- und Rauchschutzabschlüsse“ umgehen, mit deren Einführung für Mitte 2015 zu rechnen ist.

Im Anschluss daran erklärte Jörg Etzel (ift Rosenheim) den Umgang mit dem erweiterten Anwendungsbereich (EXAP), der ganz wesentlich für die Nutzung der Prüfnachweise und Klassifizierungsberichte ist und in Zukunft die allgemeine bauaufsichtliche Zulassung (abZ) ersetzen soll.

Vorträge zu Beschlägen und Sicherheit

Im Themenblock Beschläge und Sicherheit berichtete Josef Moosreiner (LKA Bayern) zum aktuellen Stand der Einbruchhemmung. Klar ist, dass die Einbruchzahlen weiter zunehmen, und für Bauherren das Thema immer wichtiger wird. Deutlich wurde aber auch, dass Einbruchschutz sich lohnt, denn in 50% der Fälle verhindern diese Maßnahmen den Einbruch. Deshalb soll die Einbruchhemmung auch als mandatierte Eigenschaft definiert werden. Eine „Abwrackprämie“ für alte Bauteile ist zwar nicht geplant, aber eine Förderung über die KfW-Bank im Programm „CO2-Gebäudesanierung“ und „Altersgerecht umbauen“ ist heute schon möglich. Alles Argumente, die für eine Sanierung oder Erneuerung von Fenstern im Bestand sprechen.

Prof. Niemöller (Kanzelei SMNG) erläuterte auf Basis der aktuellen Rechtsprechung, wie sich Risiken im werkvertraglichen Verhältnis zu Auftraggebern, Zulieferern, Subunternehmern und sonstigen Beteiligten am Bau vermeiden oder reduzieren lassen. Der Fokus lag auf Auslegungsfragen bezüglich der Mangelhaftung, inbesondere die Verantwortlichkeiten von Planern und ausführendem Unternehmen. Ein zweiter Schwerpunkt lag auf den Prüf- und Hinweispflichten des Auftragnehmers, weil der BGH hier immer „strenger“ urteilt.

Martin Langen (B+L Marktdaten) berichtete auf Basis aktueller Umfragen und Fertigstellungsdaten über die Bauentwicklung in Deutschland und Europa.

Hochwasserschutztore – ein interessanter Nischenmarkt

Dr. Claus Schwenzer (Bundesverbandes Tore BVT, Europaverband Hochwasserschutz e.V.) stellte mit den Hochwasserschutztoren einen interessanten Nischenmarkt mit guter Wertschöpfung und Wachstumsperspektiven vor – man denke nur an die vielen Tiefgaragentore. Dabei ist es nicht nur das Hochwasser, was zunimmt, sondern auch das Oberflächenwasser aufgrund von Starkregen, das auch Gebiete abseits von Flüssen betrifft und damit fast jeden treffen kann. Allerdings sind die Anforderungen an die Kompetenz der ausführenden Unternehmen von Hochwasserschutztoren hoch. Sein Vortrag mit Tipps und Hinweisen zur Planung und Beachtung der unterschiedlichen Lastfälle sowie der konstruktiven Grundlagen war wertvoll für Hersteller, die diesen Markt ins Auge fassen. Für Interessierte sei die Hochwasserschutzfibel des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur empfohlen.

Ingo Leuschner (ift Rosenheim) berichtete direkt aus der Praxis der technischen Auskunft und damit aus der Fülle der vielen kleinen Alltagsprobleme. Bei fast 2.500 Auskünften pro Jahr ist die statistische Auswertung schon relevant. Nahezu 50% aller Fragen beschäftigt sich mit Problemen der Montage, Luftdichtheit, des Wärmeschutzes und damit auch mit Tauwasser. Bei Türen bestand die Hitliste aus Fragen zur Funktion (Sicherheit, Bedienkräfte …), den technischen Eigenschaften (Schall, Verformung, U-Wert …) und dem Thema „Türschwelle“. Das zeigt, dass hier noch einiges im Argen liegt. Dementsprechend fielen auch die praktischen Tipps und Lösungsvorschläge und die Verweise und Auslegung von Normen, Fachregeln und gesetzlichen Vorgaben aus, die Ingo Leuschner auf seinen Folien und im Tagungsband zeigte.

Über das ift Rosenheim

Das ift Rosenheim ist eine europaweit notifizierte Prüf-, Überwachungs- und Zertifizierungsstelle und international nach DIN EN ISO/IEC 17025 akkreditiert. Im Mittelpunkt steht die praxisnahe, ganzheitliche und schnelle Prüfung und Bewertung aller Eigenschaften von Fenstern, Fassaden, Türen, Toren, Glas und Baustoffen. Ziel ist die nachhaltige Verbesserung von Produktqualität, Konstruktion und Technik sowie Normungsarbeit und Forschung. Die Zertifizierung durch das ift Rosenheim sichert eine europaweite Akzeptanz. Das ift ist der Wissensvermittlung verpflichtet und genießt als neutrale Institution deshalb bei den Medien einen besonderen Status – die Publikationen dokumentieren den aktuellen Stand der Technik.

Experten, die die Rosenheimer Tür- und Tortage nicht besuchen konnten, finden im Tagungsband umfangreiche Informationen mit den Textmanuskripten der 24 Referenten sowie über 600 Folien.