Gefahrenabwehr

Erkenntnisse aus dem Krisenmanagement während des Legionellenausbruchs in Warstein im Jahr 2013

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Die Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin untersuchte das Verwaltungshandeln im Zusammenhang mit der Legionellenmassenerkrankung und erarbeitete ein Prozessgutachten über das Krisenmanagement.      

Die Ereignisse in Warstein im Jahr 2013

Im Jahr 2013 kam es zu einer Massenerkrankung an Legionellen in Warstein. Insgesamt erkrankten schätzungsweise 159 Personen und zwei Menschen starben. Bei dem Vorfall handelt es sich bislang um den größten Legionellenausbruch in Europa.

Nachdem das zuständige Gesundheitsamt Kenntnis von einer Häufigkeit grippeähnlicher Erkrankungen mit atypischer Pneumonie erhielt, aktivierte der verantwortliche Kreis Soest seine Krisenmanagementstrukturen zur Unterstützung und Koordination der Arbeit des Gesundheitsamtes.

Der Krisenstab nahm seine Tätigkeit am 21.08.2013 auf und beendete seine Arbeit, nachdem keine Neuerkrankungen auftraten, am 25.09.2013. Die Ursache konnte trotz aller Anstrengungen bis zum heutigen Tag nicht identifiziert worden.

Prozessgutachten über das Krisenmanagement während des Legionellenausbruchs in Warstein 2013

Eine fünfköpfige Gutachtergruppe der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR Berlin) erarbeitete ein Gutachten und hatte hierbei insbesondere folgende Aufgaben:

  • die Krisenkommunikation durch Sichtung der Pressemitteilungen und Auswertung der Medien- und Bürgerinformationen zu betrachten,
  • die Krisenmanagementstrukturen des Kreises Soest, insbesondere die Entscheidungsmethodik und die Entscheidungsfindung, zu untersuchen,
  • ein Prozessgutachten, welches auch das rechtliche Verwaltungshandeln sowie die politische Verortung des Krisenmanagements umfasste, zu erarbeiten und Handlungsempfehlungen abzugeben.

Für die Erstellung des Gutachtens werteten die Gutachter die Dokumentation des Krisenstabes, gesetzliche und innerbehördliche Vorschriften sowie ergänzende Dokumente aus. Darüber hinaus basiert das Gutachten auf 25 halbstrukturierten Experteninterviews. Das medizinische Ausbruchsmanagement war nicht Bestandteil der Untersuchung.

Krisenmanagement des Kreises Soest

Der Kreis Soest hat in Anlehnung an die vom Arbeitskreis V der Innenministerkonferenz „Hinweise zur Bildung von Stäben der administrativ-organisatorischen Komponente (Verwaltungsstäbe)“ entsprechende Krisenmanagementstrukturen geschaffen. In der Umsetzung hat der Kreis eine Dienstanweisung erlassen, die Zuständigkeiten, Arbeitsweisen, Zusammensetzung, Informations- und Meldewege sowie Aktivierungsmechanismen enthält. Darüber hinaus finden regelmäßige Übungen statt, um die Funktionsweise und Arbeitsabläufe zu erproben und stetig zu optimieren.

Funktionale Zusammensetzung des Krisenstabes und zentrale Maßnahmen des Krisenmanagements während und nach der Ereignisbewältigung

Zu den Mitgliedern des Krisenstabes gehörten neben den politisch Gesamtverantwortlichen, der Landrätin und dem Leiter des Krisenstabes, Vertreter aus den Bereichen Ordnungsangelegenheiten, Gesundheit, Katastrophenschutz, Feuerschutz, Rettungsdienst, Immissionsschutz, Umwelt und zeitweise die Polizei.

Während desLegionellenausbruchs hatte der Krisenstab das Ziel, den Legionellenausbruch in kürzester Zeit einzudämmen und zu beenden.  Die kritischen Gesundheitsgefahren für die Bevölkerung sollten ausgeschlossen werden. In diesem Zusammenhang wurde die Ursachenermittlung durch einen externen Fachberater unterstützt, der im Bereich der Legionellen als Experte anerkannt ist.

Der Krisenstab hatte in der retrograden Betrachtung der Ereignisse unter anderem folgende zentrale Entscheidungen vorzubereiten, zu treffen und umzusetzen:

  • Die Absage der Warsteiner Montgolfiade. Hierbei handelt es sich um den größten europäischen Heißluftballonwettbewerb mit 200.000 bis 300.000 Besuchern. Da die Kontaminationsquelle zum Zeitpunkt der Veranstaltung nicht bekannt war und es immer wieder zu Neuerkrankungen kam, wurde die Genehmigung der Veranstaltung mit Hinweis auf den vorbeugenden Gesundheitsschutz abgesagt.
  • Das Aussprechen einer Reiseempfehlung. Aufgrund der hohen Touristenzahlen aus aller Welt und jeden Alters, hatte sich der Krisenstab dazu entschlossen, eine Reiseempfehlung für die Stadt Warstein auszusprechen. Hintergrund waren vermehrte Anfragen, ob Reisen nach Warstein gesundheitlich unbedenklich seien. Die Reiseempfehlung hatte das Ziel, dass im Fall späterer Erkrankungen am Heimatort eine Verbindung zu den Legionellen hergestellt werden konnte.
Zusammenfassende Erkenntnisse

Die Gutachtergruppe kam nach Auswertung der vorliegenden Informationen zu der Erkenntnis, dass das Krisenmanagement grundsätzlich zu einer guten und erfolgreichen Ereignisbewältigung führte. In der retrograden Betrachtung ergeben sich dennoch einige Optimierungspotentiale für die Bewältigung künftiger Lagen. Beispielhaft sind  folgende Empfehlungen:

  • Die Krisenkommunikation muss adressatengerecht und zielgruppenorientiert erfolgen, um den vielfältigen Interessen der Bürger sowie Unternehmen gerecht zu werden und Verunsicherungen zu vermeiden.
  • Pressemeldungen sollten gebündelt erfolgen. Eine Vielzahl von Pressemeldungen an einem Tag führt dazu, dass diese nicht mehr wahrgenommen werden und an Bedeutung verlieren.
  • Spontane Pressekonferenzen sollten nur dann erfolgen, wenn ausreichend Zeit für eine Vorbereitung und Abstimmung bleibt.
  • Entscheidungs- und Verantwortungsträger müssen bei derartigen Ereignissen vor Ort und ansprechbar sein. Zu prüfen ist das Einrichten von Bürgerbüros.
  • Die Einbeziehung von Fachberatern ist im Vorfeld klar zu regeln. Kompetenzen und Handlungsrahmen sind zu definieren.
  • Aus der konkreten Situation heraus ergaben sich neue Szenarien in der Zusammenarbeit der Behörden, die in künftigen Übungen aufzugreifen sind.
Weiterführender Link zum Gutachten:

http://www.kreis-soest.de/fbxs/presse-1/2015-08-14-Prozessgutachten-Krisenmanagement_-_final.pdf