Sicherheit

Terror, Amok, Gewaltexzess: Verletztes Sicherheitsempfinden im öffentlichen Raum – Teil 1

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Eine Woche der Gewalt

Nach dem Terroranschlag in Nizza vom 14. Juli 2016, der 84 Menschen das Leben kostete und 308 verletzte, befand sich ganz Europa in einem Schock. In diesem wurden auch die gewalttätigen Entwicklungen in der Türkei mit großer Sorge beobachtet, die aufgrund eines mutmaßlichen Putschversuches ausgelöst wurden. Kurz darauf beginnt in Deutschland eine Phase der Gewalt, die die Sicherheitsbehörden und Politik noch weiter beschäftigt.

Am 18. Juli 2016 besteigt der junge afghanische Flüchtling Riaz Khan A. (nach offiziellen Angaben 17 Jahre alt) in Ochsenfurt eine Regionalbahn in Richtung Würzburg und geht mit einer Axt unter Allahu-Akbar-Rufen auf die Passagiere los. Er verletzt 5 Menschen, darunter eine Familie aus Honkong schwer, den Vater lebensgefährlich. Auf der Flucht wird er von der Polizei erschossen, nachdem er weiter angreift.

Am Freitagabend des 22. Juli 2016 eröffnet der 18-jähriger Deutsch-Iraner Ali David S. das Feuer auf Menschen in einem Einkaufszentrum. Er tötet neun Menschen und verletzt 35 weitere zum Teil schwer, bevor er sich selbst richtet. Aufgrund diverser Fehlmeldungen in sozialen Netzwerken von weiteren Gewalttaten in München, wird im Laufe des Abends zeitweise von einem Terroranschlag ausgegangen. Die Einstufung der Tat als geplanter Amoklauf eines Einzelnen wird im Nachhinein durch die polizeilichen Ermittlungen bestätigt.

Am 24. Juli 2016 erschüttert die Meldung eines Angriffes in Reutlingen mit einem langklingigen Messer auf offener Straße Deutschland erneut. Der Syrer Fatih D. (21) tötet eine 45-jährige Frau, die laut Medienberichten schwanger gewesen sei, und verletzt fünf weitere zum Teil schwer. Auf der Flucht läuft er vor ein vorbeifahrendes Auto und kann durch die Polizei gestellt werden. Noch am selben Abend des 24. Juli 2016 folgt die nächste Gewalttat im öffentlichen Raum. Der syrische Selbstmordattentäter Mohammad D. (27) sprengt sich im Eingangsbereich eines Musikfestivals im fränkischen Ansbach in die Luft und verletzt 15 weitere Menschen zum Teil schwer. Mit einem selbst gebastelten Sprengsatz, den er in einem Rucksack mit sich führte, wollte er sich während eines Konzertes auf dem Festivalgelände in die Luft sprengen. Aufgrund dessen, dass er keine Eintrittskarte besaß, wurde ihm der Einlass verweigert, was zur Selbstsprengung vor dem Gelände führte und somit die Besucher höchstwahrscheinlich vor einer noch schlimmeren Bluttat bewahrte.

Motivlagen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Die vier genannten Gewalttaten besitzen neben der zeitlichen Nähe zueinander einige Gemeinsamkeiten, aufgrund dessen sie im Zusammenhang diskutiert wurden und noch werden, jedoch deutlich mehr Unterscheidungsmerkmale. Die vier Täter sind junge Männer zwischen 17 und 27 Jahren. Die drei Täter aus Würzburg, Reutlingen und Ansbach kamen als Flüchtlinge nach Deutschland, zwei aus Syrien, der in Würzburg getötete Angreifer nach ersten Angaben aus Afghanistan, wobei sowohl die Herkunft als auch das Alter angezweifelt wurden. Der Täter in Reutlingen war anerkannter Flüchtling, der in Ansbach sollte nach Bulgarien zurückgeführt werden. Der Amok in München und die Terroranschläge in Würzburg und Ansbach wurden jeweils geplant, der Mord in Reutlingen war nach Würdigung aller Umstände eher eine spontane Tat. Die Angreifer von München und Ansbach wurden wegen psychischer Probleme behandelt. Der 18-Jährige Münchner war der Polizei zuvor nicht als Täter, sondern als Opfer von Mobbing und Diebstahl bekannt. Der Amok ist entsprechend als individueller Racheakt zu bewerten.

Der grausamen Tat von Reutlingen lag wohl weder ein terroristisches Motiv noch das eines Amoks zugrunde. In erster Linie ging es dem bereits wegen Gewalt und Drogenbesitzes polizeibekanntem Täter um die Ermordung der 45-jährigen Polin, mit der er wohl eine Beziehung führen wollte, wobei sie jedoch die Avancen nicht erwiderte. Möglich ist daher auch ein sogenannter „Ehr-Hintergrund“ als Motiv für die Tat. Doch auch wenn es sich bei dem Tötungsdelikt um eine Beziehungstat handelte und das gesamte Ereignis kaum mehr als sieben Minuten dauerte, ist die Bilanz erschreckend. Neben dem toten Opfer und fünf verletzten Menschen, blieben  entsetzte und geschockte Passanten, die die Gewalttat mit ansehen mussten. Die Polizei musste vor Ort ein Kriseninterventionsteam einrichten.

Die Täter von Würzburg und Ansbach waren Asylbewerber, ihre Taten eindeutig islamistisch motiviert. Ob sie gezielt und von IS-Funktionären nach Europa respektive Deutschland geschickt und explizit beauftragt wurden oder ob sie sich freiwillig mit den Zielen der Daesh identifizierten, ist nicht abschließend geklärt. Für die Zuordnung der Taten ist es allerdings auch unerheblich. Solche Anschläge funktionieren zur Not auch ohne vorherigen persönlichen Bezug zu Akteuren der Gruppe, solange die Gewalttat unter deren Banner ausgeführt wird und der IS den Täter im Nachhinein zu einem ihrer Kämpfer, einem ihrer Löwen, erklärt. Wer bei solchen Attentätern auf eine Art Mitgliedsausweis oder schriftlichen Befehl hofft, verkennt das Rekrutierungsprinzip des Islamischen Staates. Der Zweck des Anschlages bestimmt die Zurechnung, auch für das Terrornetzwerk selbst.  

Fraglich ist, ob die zeitliche Nähe der Gewalttaten zueinander zufällig oder möglicherweise ein bestimmender Faktor ist. Tatsächlich steigt das Risiko für Nachahmungstaten durch Personen, die sich schon lange mit der Planung einer Gewalttat herumtragen, durch ein großes öffentliche Echo, das in den Medien durch eine Schreckenstat hervorgerufen wurde, an. Die vier dargestellten Gewalttaten folgten sehr dicht aufeinander und sehr dicht nach dem Anschlag von Nizza. Nun muss man jedoch die Beweggründe voneinander trennen. Der mutmaßliche und geplante Amoklauf von München war aller Wahrscheinlichkeit nach keine direkte Reaktion auf den Anschlag von Würzburg. Hier erscheint eher das Datum, nämlich der fünfte Jahrestag des Massenmordes an 77 Personen durch Anders Breivik maßgeblich. Reutlingen als eine Beziehungstat in erster Linie und Verlagerung der Gewalt auf die Umgebung, sollte auch weniger auf diese Gewalt zurückzuführen sein, da die Motivlage einer Nachahmung entbehrt.

Jedoch besitzt der Anschlag von Ansbach wahrscheinlich einen deutlichen Bezug zu dem in Würzburg: Beide Täter handeln in terroristischer Absicht. Eine Nachahmungstat wird somit wahrscheinlich, denn so wird aus einzelnen Anschlägen eine Serie. Terroristisches Trittbrettfahren ist eine Kriegsstrategie, um den bereits verwundeten Gegner weiter zu schwächen.

 

Hinweis der Redaktion: Lesen Sie mehr in Teil 2 des Beitrages.

 

Verwendete Literatur:

● Humer, S.: Deutsche Waffengesetzgebung und Dienstvorschriften bei weiteren Anschlägen nicht durchhaltbar, vom 2. August 2016, online verfügbar – siehe unten stehenden Link (letzter Zugriff am 2. August 2016).

● Stephan, C.: Der Staat muss Zeichen setzen, die jeder versteht vom 2. August 2016, online verfügbar – siehe unten stehenden Link (letzter Zugriff am 2. August 2016).