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IT verstehen, umsetzen und nutzen

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Seit 2014 ist Günther Oettinger EU-Kommissar für digitale Wirtschaft und Gesellschaft. Im Wirtschaftsleben ist das Thema Digitalisierung unter dem Label „Industrie 4.0“ in aller Munde. Lesen Sie, wie er mit Weitsicht, Ausdauer und Nachdruck diese komplexe wie brisante Aufgabe vorantreibt.

 

Wirtschaftsführer: Sind die Unternehmen in Deutschland bereit für Industrie 4.0? Wo liegen die Chancen und wo die Risiken? Werden es mittlere und kleinere Unternehmer schwerer haben als große?

Günther Oettinger: Dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag mit seinen Kammern vor Ort, aber auch dem Handwerk und den Fachverbänden ZVEI, Bitkom, VDMA, BDI und VDA bin ich sehr dankbar, dass sie das Thema „Digitalisierung“ zum Top-Thema erklärt haben. Ich war allein im letzten Jahr bei 36 verschiedenen Veranstaltungen der deutschen Industrie- und Handelskammern, d.h. man kann den Weckruf der Verbände und den Aufruf der europäischen digitalen Politik an die deutsche Wirtschaft hören. Eine Vielzahl von Unternehmen, namentlich die Großindustrie, hat die Bedeutung der digitalen Revolution mittlerweile erkannt. Auf der anderen Seite gibt es aber noch immer zu viele, namentlich kleinere Unternehmen, die glauben, sie seien davon nicht berührt. Dabei wird doch alles, was an Produkten, an Produktionsformen und an Dienstleistung digitalisiert werden kann, inzwischen digitalisiert und fast alle Unternehmen und alle Produkte sind davon betroffen.

 

Wirtschaftsführer: Ist es nach Ihrer Auffassung erforderlich, bei den Unternehmen den Blick für mehr Cyber-Security zu schärfen?

Günther Oettinger: Eindeutig ja. Cyber-Security ist noch wichtiger als Datenschutz, und das gilt sowohl für den Bürger als auch für die Wirtschaft und für sensible öffentliche Infrastrukturen. Wir müssen mehr investieren in Hardware und Software, die Cyber-Security herstellt. Die Industriespionage von morgen oder auch die Störung von digitalen Infrastrukturen ist hochgradig gefährlich, ebenso wie die Zerstörung von Daten und die mögliche Attacke gegen öffentliche Infrastrukturen, ich nenne nur die Stichworte Energienetze und Delegations-Dienste. Dieser Gefahr sind wir uns noch nicht genügend bewusst.

 

Wirtschaftsführer: Sind die Rahmenbedingungen für Start-ups im IT-Bereich zu verbessern? Offenbar profitiert ja Amazon gerade davon, z.B. junge Unternehmen mit Cloud-Dienstleistungen zu versorgen.

Günther Oettinger: Die Start-up-Förderung ist weit besser als vor fünf Jahren. Ich nenne in diesem Zusammenhang London, Stockholm, Kopenhagen, Berlin, Hamburg, Paris, Bratislava, Karlsruhe und München – aber sie ist noch nicht gut genug. Jede Partnerschaft mit der Industrie ist erwünscht und Amazon ist ein qualifizierter und erfolgreicher Dienstleister, auch im Bereich der europäischen Logistik. Worauf wir achten müssen, ist, dass Start-ups, wenn sie expandieren, wenn sie Scale-ups werden, in Europa bleiben. D.h., wir müssen Anreize und die ökonomische Grundlage dafür schaffen, dass die jungen Unternehmen nicht nur in Deutschland gegründet werden, sondern hier auch auf Dauer zu einem mittelgroßen oder großen Unternehmen wachsen können.

 

Wirtschaftsführer: Big Data gilt ja als der „Rohstoff“ der Informationsgesellschaft. Bremst oder fördert die Datenschutz-Grundverordnung das digitale Geschäft?

Günther Oettinger: Der wichtigste Fortschritt der Datenschutz-Grundverordnung auf europäischer Ebene liegt bei zwei Faktoren. Faktor 1: Wir haben eine europäische Datenschutz-Grundverordnung und nicht mehr 28 Datenschutzgesetze der Mitgliedstaaten, ergänzt um weitere 16 in den Bundesländern Deutschlands. Zweiter Fortschritt: Es ist eine Verordnung, die direkt im Frühjahr 2018 geltendes europäisches Recht wird und nicht erst in nationales Recht umgesetzt werden muss. Ob sie genügend Spielraum für Datennutzung geben wird, sei es anonymisiert, pseudoanonymisiert oder aggregiert, wird man sehen. Aber ich bin im Augenblick optimistisch, dass die Balance gefunden wurde, und sollten noch immer Hindernisse für Big Data bestehen, müssten wir nach ersten Erfahrungswerten eine Novelle der europäischen Datenschutz-Grundverordnung noch vor Ende des nächsten Jahrzehnts vornehmen.

 

Praxishinweis: Dies ist ein Auszug aus dem aktuellen „Wirtschaftsführer“ des RICHARD BOORBERG VERLAGES. Lesen Sie hier den gesamten Artikel.