Organisations- und Führungskonzepte

Übergriffe im Alltag Teil 1: „Awareness“ und „EDC“

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Wie sicher ist Deutschland?

Terror, Einbrüche, Übergriffe – Wie sicher ist Deutschland?, fragt Report Extra aus Mainz in der Sendung zu Jahresbeginn. Selbstverteidigungskurse boomen, Pfefferspray wird knapp, die Nachfrage nach Messern steigt, und die Zahl derer, die einen sogenannten „kleinen Waffenschein“ beantragt haben, ist steil angestiegen. Inwieweit diese Angst statistisch begründet ist oder nicht, wird unterschiedlich beurteilt. Diese Diskussion soll an dieser Stelle nicht geführt werden. Tatsächlich haben mittlerweile, nach Angaben von Report Extra, 469 741 Personen einen kleinen Waffenschein, der zum Führen von Schreckschusswaffen berechtigt. Allein im Jahr 2016 wurden davon knapp 200 000 Anträge gestellt. Läuft also fast eine halbe Million Menschen in Deutschland mit einer Schreckschusswaffe in der Tasche oder im Holster herum? Schafft das tatsächlich mehr Sicherheit?

EDC – sollte man überhaupt immer etwas dabeihaben?

An dieser Stelle soll in mehreren Beiträgen der Frage nachgegangen werden, was gegen befürchtete Übergriffe im Alltag an Schutzmaßnahmen legal möglich und vielleicht auch zweckmäßig ist. Im Anglo-Amerikanischen hat sich dazu der Begriff „every day carry“ oder einfach „EDC“ etabliert. Wikipedia definiert EDC wie folgt:

„Der englische Ausdruck EDC oder everyday carry steht für eine kleine Kollektion von Gegenständen, Equipment und Zubehör, die täglich mitgeführt wird, um bei der Bewältigung von alltäglichen bis hin zu gefährlichen Situationen zu helfen.“

Dem EDC liegt die Philosophie zugrunde, sich Gedanken um die eigene Sicherheit im Alltag zu machen. Das beginnt damit, die eigene Sicherheitslage zu betrachten und die für sich speziell geeigneten Abwehr- und Schutzmaßnahmen zu treffen. Von den drei großen Bedrohungsszenarien „Terror“, „Wohnungseinbruch“ und „Übergriffe im Alltag“ soll hierbei letzteres Szenario im Mittelpunkt stehen.

Sollte man neben Schlüsselbund und Geldbörse überhaupt etwas zur Sicherheit dabeihaben?

Überragend wichtig: Aufmerksamkeit und Wachsamkeit

Ein überragend wichtiges Werkzeug haben wir immer dabei: Wachsamkeit und Aufmerksamkeit, oder Neudeutsch: „Awareness“.

Was heißt das?

Die Wahrscheinlichkeit, mit einem Überfall oder einer eskalierenden Konfliktsituation konfrontiert zu werden, ist nicht zu jeder Zeit und an jedem Ort gleich groß. Sie ist in meinem Wohnzimmer deutlich geringer als um 23.00 Uhr im nicht kameraüberwachten Bereich eines Bahnhofs. Sie ist höher, wenn ich abgelenkt in mein Smartphone starre, sie ist geringer, wenn ich meine Umwelt auf etwaige Gefahren hin beobachte. Durch Aufmerksamkeit und frühes Reagieren können viele brenzlige Situationen von vornherein vermieden werden.

Wir haben alle mehr oder weniger die Fähigkeit, Gefahren abzuschätzen oder zu erkennen. Wir sollten sie in jedem Fall nutzen. Ich vermeide die sprichwörtliche dunkle Gasse. In öffentlichen Verkehrsmitteln schaue ich vielleicht, wer sonst noch so einsteigt. Habe ich ein komisches Gefühl, steige ich woanders ein.

Leider wird von Kriminellen immer wieder die spontane Hilfsbereitschaft von Mitmenschen ausgenutzt. Hilferufe in einem nächtlichen Park lassen uns sofort die Polizei verständigen. Die weitere Überlegung „Helfe ich selbst oder nicht oder hole ich weitere Hilfe“ muss immer auch das Risiko mitberücksichtigen, dass es sich um eine Falle handeln könnte. Sie müssen die eigenen körperlichen Fähigkeiten und die konkrete Lage berücksichtigen.

Der Zen-Meister Daisetz Teitaro Suzuki erzählt dazu folgende Geschichte:

Ein Vater hatte seine drei Söhne zu einem Schwertmeister in die Ausbildung geschickt. Nach deren Abschluss wollte er die Söhne auf die Probe stellen, um zu entscheiden, wem der drei er ein Schwert anvertrauen kann. Er legte ein Kissen auf den Türrahmen und bat den ersten Sohn in den Raum. Dieser öffnete die Tür und das Kissen fiel herab. Beim zweiten Sohn fiel das Kissen herab, doch bevor es den Boden erreichte, hatte er sein Schwert gezogen und es zerteilt. Der dritte Sohn bemerkte das Kissen beim Eintreten, nahm es herab und legte es wieder an seinen Platz.

Es ist klar, dass der dritte Sohn das Rennen machte. Diese Aufmerksamkeit und Wachsamkeit sollten wir alle aktivieren und einüben.

Ganz am Anfang: Risikoanalyse!

Die öffentliche Sicherheitsdiskussion wird teilweise sehr abstrakt und holzschnittartig geführt: Wer mit den falschen Leuten, zur falschen Zeit, am falschen Ort die falschen Dinge macht, bekommt mit großer Wahrscheinlichkeit Probleme. Wer nur zur falschen Zeit unterwegs ist, kommt vielleicht davon. Dem Einzelnen nutzt das wenig. Besser ist es daher, bevor über Sicherheitsmaßnahmen bzw. -tools nachgedacht wird, eine persönliche Risikoanalyse vorzunehmen. Nur wer seine persönlichen Risiken kennt, kann versuchen sie zu minimieren.

Hierbei hilft der „Code of Awareness“ von Jeff Cooper (in: Principles of Personal Defense, 2006). Es bedeutet, der eigenen inneren Wachsamkeit und Verteidigungsbereitschaft Farben zuzuordnen. Die Codes gehen dabei von „Code White“ über „Code Yellow“ und „Orange“ bis „Code Red“. Was hier ziemlich militärisch daherkommt, kann für den Alltag sehr nützlich sein. Es lohnt sich daher, die Aufmerksamkeitsstufen einmal näher anzuschauen.

Stufe Weiß: Unaufmerksam …

steht für: ich bin beschäftigt mit mir selbst oder z. B. meinem Smartphone. Es kann aber auch ein Gespräch sein, in das ich vertieft bin. Meine Aufmerksamkeit gilt nicht meiner Umgebung. Es kann sein, dass ein Bekannter mir auf die Schulter haut und ich zusammenfahre.

Kriminelle aller Art suchen im öffentlichen Raum vor allem nach Menschen in diesem Zustand. Taschendiebe können meine Taschen abtasten, Trickbetrüger können mich überrumpeln und Gewalttäter kommen auf Angriffsnähe an mich heran.

Stufe Gelb: Entspannte Aufmerksamkeit …

steht für eine Haltung, bei der man generell mit einem Zwischenfall rechnet, ohne dass konkrete Anhaltspunkte vorliegen. Mit Stufe Gelb beobachte ich meine Umgebung, bin achtsam. Ich schaue mir an, wer am Bahnsteig der S-Bahn steht. Ich sehe, wer wo einsteigt. Ich wähle meinen Platz bewusst aus. Selbst wenn ich mir die Zeit mit meinem Smartphone vertreibe, schaue ich immer wieder auf und beobachte die Veränderungen in meinem Umfeld.

Sobald geschützte Räume wie Wohnung oder Arbeitsplatz verlassen werden, sollte ich in Stufe Gelb unterwegs sein. Das gilt vor allem für Orte, die man als „Übergangsorte“ (transitional places) bezeichnet: Parkplätze, Bahnhöfe, aber auch das Auto beim Ein- und Aussteigen. Überall wo Täter rasch zuschlagen und rasch entkommen können, ist besondere Vorsicht geboten.

Stufe Orange: Spezifisch alarmiert!

steht für ein inneres Erleben, bei dem man den Eindruck hat, das irgendetwas nicht stimmt. Es kann sein, dass man sich verfolgt fühlt, irritierende Geräusche in der Bahn wahrnimmt. Im Parkhaus heult ein Motor auf, ein lautes Grölen in der Bahn. „Orange“ kann sich auch einstellen, wenn ich merke, dass ich durch eine dunkle Seitenstraße gehen muss und hier vielleicht sogar die Laternen ausgefallen sind. In Stufe Orange treffe ich unter Umständen schon Maßnahmen. Habe ich den Eindruck, jemand verfolgt mich oder „hat mich auf dem Kieker“, so gehe ich vielleicht in das nächste Geschäft, um den oder die vermeintlichen Verfolger abzuschütteln.

Ich überdenke Handlungsmöglichkeiten und bewerte diese im ständigen Abgleich mit meinen Wahrnehmungen der Situation.

Eine innere „rote Linie“ wird vorbereitet. Folgt mir etwa die verdächtige Person in das Geschäft, muss überlegt werden ob a) ich das Geschäft wieder verlasse, um zu sehen, ob mir die Person weiterhin folgt, ich b) die Person anspreche oder vielleicht c) ich mich an das Personal im Geschäft wende. Welche Option für mich die richtige ist, hängt ganz von der konkreten Situation und den eigenen Fähigkeiten ab.

Stufe  Rot: Handlungsbereit!

Bei Stufe Rot ist klar, dass ich handeln muss. Es gibt eine reale Bedrohung für mich, meine volle Aufmerksamkeit ist jetzt gefragt. Ich bin bereit, sobald die „rote Linie“ für mich überschritten ist, zu handeln. Das muss nicht immer die körperliche Auseinandersetzung mit einer Person sein, Code Rot kann mich, wie gesagt, auch veranlassen – wo möglich – Hilfe einzufordern.

Diese Farbskala mag einigen zu schematisch sein. Gleichwohl verhilft sie zu einer grundsätzlichen Erkenntnis: Meine Aufmerksamkeit kann und sollte sich – je nach Situation – verändern. Ich kann die tollsten Selbstverteidigungskünste beherrschen und eine ganze Kiste voller Waffen mitschleppen: Wenn ich in Stufe Weiß bin, nützt mir das alles wenig.

Darüber hinaus ist zu fragen:

Bin ich häufig in „Übergangsorten“? Zu welcher Zeit? Welche spezifischen Gefahren könnten dort drohen bzw. haben sich in der Vergangenheit gezeigt? Dabei ist besonders der Alltag wichtig. Hier sind wir häufig gewohnheitsmäßig in „Stufe Weiß“ unterwegs.

Selbstverteidigungskenntnisse oder Selbstverteidigungstools sind also keinesfalls selbst die Lösung. Die Lösung ist unsere Aufmerksamkeit und die Selbst- und Fremdbeobachtung. Werkzeuge können jedoch, wenn sie richtig eingesetzt werden, meine Handlungsmöglichkeiten in den orangenen und roten Bereichen erweitern. Hierfür ist eine realitätsnahe Ausbildung in Selbstverteidigungstechniken ein großer Vorteil bei körperlichen Auseinandersetzungen. Eine solche Ausbildung kostet jedoch Zeit. Zudem möchte sich nicht jeder so intensiv mit dem Thema Selbstverteidigung befassen. Daher widmet sich der nächste Beitrag dem Thema „Tactical Lights“ und „Tactical Pens“ als Selbstverteidigungstools.

 

PRAXISHINWEIS:

Dieser Beitrag ergänzt die Reihe „Übergriffe im Alltag“

Teil 2: EDC – Tactical Pen und Taschenlampe finden Sie hier.

Teil 3: EDC – jetzt wird „gepfeffert“