Lünen, 23. Januar 2018: in einer Mittelschule sticht ein 15jähriger einen Mitschüler mit einem Messer in den Hals. Für das Opfer kommt jede Hilfe zu spät, es verstirbt noch am Tatort. Der Schock allenthalben ist groß, vor allem natürlich bei den Angehörigen von Opfer und Täter, aber auch bei den Mitschülern, deren Eltern, den Einwohnern der Stadt Lünen und schließlich auch bei der deutschen Bevölkerung. Schulen, Horte des Wissens und der Erziehung, sollen sicher sein, Kinder und Jugendliche sollen sich dort geborgen fühlen und gemeinsam auf das Leben vorbereitet werden. Sicherheit vor Gewalteinwirkung jeglicher Art hat dementsprechend einen unschätzbar hohen Stellenwert.
Dieser Beitrag widmet sich der grundsätzlichen Thematik, also nicht nur der Abwehr schwerer Gewalttaten, sondern auch dem generellen Umgang mit dem Thema Gewalt und der Rolle der Schulen bei der Prävention. Grundlage hierfür ist ein Beitrag der Polizeien der Länder und des Bundes, den diese auf ihrer Homepage veröffentlicht haben und insbesondere das dort veröffentlichte Informationsheft „Herausforderung Gewalt“ von Prof. Dr. Britta Bannenberg. Die Lektüre dieses Werkes sei allen Erziehungspersonen, Lehrern wie Eltern, wärmstens ans Herz gelegt.
Besser früh vorbeugen als spät bestrafen
Schulen sind der Ort, an denen sich Kinder und Jugendliche tagsüber aufhalten und dementsprechend kommt es dort auch häufig zu Gewaltanwendungen unterschiedlicher Ausprägung unter ihnen oder zu anderen kriminellen Handlungen von ihnen.
Dabei ist ein gewisses Maß an Kriminalität als Teil der Persönlichkeitsreifung durchaus normal. Die ein oder andere leichte Straftat, wie etwa ein kleinerer Ladendiebstahl oder eine körperliche Auseinandersetzung unter Jungen, gehört sozusagen dazu, um Grenzen auszutesten und der Hang dazu verliert sich meistens von selbst, wenn die nahe soziale Umwelt entsprechend reagiert. Jedoch existiert ein kleiner Teil (ca. 5-10%) der Jugendlichen, bei denen das Maß deutlich über die Normalität hinausgeht. Diese sogenannten „Intensivtäter“ stammen häufig aus schwierigen sozialen Verhältnissen, wo es ihnen an Nähe und Erziehung fehlt, so dass sie selbst zu wenig Empathie und Unrechtsbewusstsein entwickeln. Dementsprechend ist hier die Gefahr der Entwicklung zu Straftätern entsprechend hoch und entsprechend muss hier Präventionsarbeit besonders intensiv ansetzen.
Dem lässt sich auch entnehmen, wie wichtig die Rolle der Erziehung für die Entwicklung ist: Normen muss man lernen, die Strafjustiz kann dies später nicht nachholen. Und hier wird die Rolle der Schulen besonders deutlich. Diesen kann zwar nicht die Verantwortung für die Aufgaben der Eltern in frühen Jahren zugeschoben werden. Sie können jedoch einerseits am Normenlernprozess teilhaben und andererseits Gewalthandlungen und entsprechende Tendenzen frühzeitig erkennen und ihnen entgegenwirken.
Das Interventionsprogramm nach Dan Olweus
Die Polizeien der Länder und des Bundes sowie auch Frau Prof. Dr. Bannenberg verweisen auf das Interventionsprogramm des norwegischen Professors Dan Olweus, das dieser erstellt hatte, nachdem binnen kurzer Zeit drei Schüler wegen Mobbings Suizid begangen haben. Er entwickelte ein Mehr-Ebenen-Programm, in dem Gewalt durch Thematisierung, Grenzziehung und Integration begegnet werden soll. Dieses ist inzwischen in mehreren Ländern seit teilweise zwei Jahrzehnten im Einsatz, weshalb belastbare Daten einen eindeutigen Erfolg nachweisen lassen.
Das Konzept fußt auf der Idee der „Restrukturierung des sozialen Umfeldes“ und setzt vor allem auf folgende Prinzipien:
- Warmherzigkeit, Interesse und Engagement der Erwachsenen
- klare Grenzen für unakzeptables Schülerverhalten
- konsequente, aber nicht feindselige Reaktionen bei Regelverletzungen
- ein gewisses Maß an Beobachtung und Kontrolle und
- Erwachsene, die auch als Autoritäten handeln.
Angepackt wird auf drei Ebenen:
- Auf der Schulebene werden u.a. Veranstaltungen durchgeführt und bessere Aufsichten eingerichtet.
- Auf der Klassenebene werden Regeln gegen Gewalt aufgestellt und Gruppengespräche geführt.
- Auf der persönlichen Ebene werden Gespräche mit gewalttätigen Kindern, Opfern und Eltern geführt.
Mit neuen Medien kommen neue Gefahren
In den letzten Jahren haben sich durch Technik weitere Gefahrenquellen herausgebildet, die Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit bieten, vor allem psychische Gewalt auszuüben. Einerseits sind hier Straftaten im Zusammenhang mit Handy-Videos zu nennen, wenn etwa Schüler von ihren Mitschülern verprügelt werden und andere dies filmen und ins Netz stellen. Andererseits findet sich gerade durch bzw. auf den Sozialen Netzwerken ein neues Phänomen, welches als „Cyberbullying“ oder „Cybermobbing“ bekannt ist. Durch das Teilen unangenehmer Inhalte, die schriftliche Demütigung (anonym oder offen) und ähnliches können gravierende Folgen für den einzelnen Schüler ausgelöst werden, von Ängsten über Depressionen bis hin zum Suizid.
Diesem Phänomen sowie generell dem Umgang mit Sozialen Netzwerken muss deshalb auf Grund von deren immenser Bedeutung im Leben vieler junger Menschen besondere, auch schulische Beachtung geschenkt werden. Dementsprechend sind bereits bestehende Programme zur Prävention von Gewalt zu aktualisieren und die neuen Medien mit einzubeziehen.
Quelle:
http://www.polizei-beratung.de/themen-und-tipps/gewalt/gewalt-an-schulen/ (zuletzt aufgerufen am 29.01.2018)
Praxishinweis:
Jörg H. Trauboth (Hrsg.)
Krisenmanagement in Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen
Professionelle Prävention und Reaktion bei sicherheitsrelevanten Bedrohungen von innen und außen
Richard Boorberg Verlag, 2016, 482 Seiten, 59,80 €
