Sicherheit

Energiewirtschaft Russlands und deren Bedeutung für Europa

Russisches Erdgas und die Ölindustrie

Seit 1990 ist die russische Erdgasindustrie weitgehend verstaatlicht und wird durch den Staatskonzern GAZPROM geführt. Ähnlich wie in der russischen Ölindustrie wurden ausländische Kooperationspartner nach und nach aus den bestehenden Verträgen gedrängt, so dass die russische GAZPROM, der größte Steuerzahler Russlands, nun das Monopol bei der Exploration und dem Verkauf von Erdgas besitzt.

Die russische Ölindustrie befand sich seit den 1990er Jahren weitgehend in der Hand privater russischer Unternehmen, die mit multinationalen Unternehmen im Rahmen von Joint Ventures kooperierten. Allerdings beschränken gesetzliche Bestimmungen Russlands zunehmend den Einfluss ausländischer Unternehmen.

Die russische Regierung ist bemüht, den ausländischen Einfluss auf mannigfache Art zurückzudrängen. So wurden den ausländischen Anteilseignern Verstöße gegen russische Umweltschutzbestimmungen, gegen Vertragsbestimmungen und nicht zuletzt Verstöße gegen die russischen Steuergesetze vorgeworfen, die ausländischen Manager nicht selten mit Strafverfahren überzogen oder des Landes verwiesen.

Nahezu alle Unternehmen der Ölindustrie Russlands unter Führung ROSNEFTS befinden sich wieder in russischer Hand. Allerdings machen sich mangelnde Erfahrung des Führungspersonals und strukturelle Schwächen in der Organisation der Ölindustrie nach wie vor negativ bemerkbar. Auch werden die Unternehmen mit Aufgaben im sozialen Bereich und der Unterstützung der Industrie belastet, die zusätzliche Kosten verursachen. Nicht zuletzt die Besetzung von Führungspositionen mit Mitgliedern der politischen Nomenklatura beeinträchtigt die Führungsfähigkeit und das Wachstum dieser Unternehmen.

Die russische Energieproduktion

Seit 1992 nimmt der Anteil der russischen nuklearen Energieproduktion ständig zu. Betrug dieser im Jahr 1992 noch 11.9%, so stieg er in den Folgejahren bis auf 16.4% im Jahr 2010. Damit befindet sich Russland nach den USA, Frankreich und Japan an vierter Stelle der Nuklearenergiekonsumenten. Russland verfügt derzeit über mindestens 32 betriebsfähige Reaktoren unterschiedlicher Bauart mit einer geschätzten Leistung von 23, 084 MioW/h. Derzeit befinden sich zusätzlich elf Reaktoren im Bau. Ob nach deren Fertigstellung ältere Reaktoren außer Betrieb genommen werden, kann nicht festgestellt werden.

Russland bezieht etwa 16% seines Energiebedarfs aus Atomkraft, 16 % werden mit Wasserkraft erzeugt. Der Anteil der Kohlekraftwerke betrug 19%, 49% der benötigten Energie werden durch Öl und Gaskraftwerke gewonnen. Soweit bekannt, spielen regenerative Energien in Russland derzeit noch keine Rolle. Allerdings scheint Russland noch über weitere, umfangreiche und noch nicht erschlossene Reserven an Naturgas, Erdöl und seltenen Erden zu verfügen.

Versorgung der westeuropäischen Märkte

Mit der Inbetriebnahme der Nord-Stream-Pipeline gewinnt Russland langfristig Einfluss auf die Versorgung mit Erdgas in Westeuropa. Die Pipeline ist für einen Durchsatz von 55 Billionen Kubikmeter pro Jahr ausgelegt. Demgegenüber ist die Bedeutung des ehemaligen “DRUSHBA (YAMAL-EUROPA, SOJUS, TRANSGAS) – Pipeline-Systems” im ukrainischen Korridor aus sowjetischer Zeit etwas in den Hintergrund getreten. Ob sich die bereits projektierte “South-Stream-Pipeline” tatsächlich wird realisieren lassen, kann gegenwärtig noch nicht abgesehen werden.

Russland wird zur Realisierung weitere Pipeline-Projekte (z.B. BLUE STREAM/NABUCCO u.a.) zumindest in der Anfangsphase ausländisches Kapital benötigen. Russland plant bis zum Jahresende 2012 den Export von mehr als 112 Billionen Kubikmeter Erdgas nach Westeuropa. Southstream ist hingegen zunächst nur für 63 Billionen Kubikmeter ausgelegt und wird das Schwarze Meer durchqueren und zunächst in Bulgarien enden. Eine Weiterführung von Southstream nach Ungarn ist offenbar geplant. Die von Russland betriebene Zentral-Asiatische Pipeline zur Versorgung Chinas hingegen soll hier nicht weiter betrachtet werden.

Deutschland produzierte 2010 etwa 14% des Jahresverbrauchs von rund 3.074 PJ (Peta-Joule) Naturgas selbst, die Produktion ist rückläufig, könnte aber durch den Einsatz von Bio-Gas wieder gesteigert werden.

2010 bezog Deutschland 87 % seines Gesamtbedarfs an Erdgas über Pipelines. 2010 entfielen von den Gasimporten 39.2% auf Russland, 35% auf Norwegen, 21.5 % auf die Niederlande und 4.2 % auf sonstige Quellen. Deutschland verfügt derzeit über eine Speicherkapazität für Erdgas, die statistisch den Bedarf von 80 Tagen abdecken könnte. Es ist geplant, die Speicherkapazität um 20% zu erhöhen. Deutschland ist bei den Energieträgern Steinkohle zu 77.0%, bei Mineralöl zu 97.8% (aus den Lieferländern Großbritannien, Russland, Venezuela, Nigeria, Libyen, Algerien, Arabische Emirate, Iran, Irak, Syrien und Saudiarabien), bei Naturgasen zu 81.8% und bei Kernenergie zu 100% auf Importe angewiesen.







Praxishinweis


  • Die Versorgungssicherheit Westeuropas auf dem Energiesektor ist weitgehend von politischen Rahmenbedingungen und Entwicklungen bestimmt, die sich jederzeit durch Konflikte aller Art ändern können.

  • Von der Vertragstreue der Partner ausgehend, ist zumindest bei langfristig angelegten Lieferverträgen von einer Versorgungssicherheit auszugehen, soweit ausschließlich die Vertragspartner ausschließlichen Zugriff auf die Transport-Systeme haben.

  • Systeme hingegen, die im Transit andere Staaten durchqueren, können leicht als politisches Druckmittel eingesetzt werden, um politische Ziele des Transitstaates durchzusetzen.

  • Auch können Auseinandersetzungen aller Art, insbesondere im Bereich der Versorgung mit Rohöl, zu Ausfällen bei den Lieferanten führen.





Quellen: Stephen Aris, Matthias Neumann, Robert Orttung, Jeronim Perovic, Heiko Pleines, Hans-Henning Schröder, Aglaya Snetkov , RUSSIAN ANALYTICAL DIGEST No. 113, 15 May 2012, ETH Zürich;

Krämer, Luis-Martin, Die Energiesicherheit Europas in Bezug auf Erdgas und die Auswirkungen einer Kartellbildung im Gassektor, Köln 2011;

Energiedaten, Grafiken Stand 25.1.2012 , Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Berlin/Bonn, 2012