Verbrechen, Gewalt und Unruhe
In den Städten herrscht in den letzten Jahren eine wachsende Sorge über das Ausmaß von Verbrechen, Gewalt und Unruhe vor. Damit einhergehend ist oft mangelnder mitmenschlicher und altruistischer Bürgersinn und gegenseitige Verantwortung, was sich zunehmend in sinnloser Gewalt, mutwilligen Störungen der öffentlichen Ordnung und anderen Formen sozial abweichenden Verhaltens äußert.
Die Gründe sind vielschichtig:
- Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrisen,
- Verlust sozialer Bindungen,
- Ausgrenzung, Stigmatisierung, Auflösung traditioneller familiärer Strukturen,
- Mangel an Achtung zwischen Generationen und Volksgruppen.
Hinzu kommen gravierende Veränderungen in Europa als Folge des politisch-strukturellen Wandels wie insbesondere die Öffnung aller Grenzen, die Ängste vor Migration und ausufernden Einwanderungsströmen, wirtschaftliche und soziale Veränderungsmechanismen, bisweilen auch ein Mangel an Kultur sowie der rasant wachsende Tourismus und das Kommunikationswesen.
Verflechtungen mit Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft
Besonders markant als Urangst geistert im Kopfe vieler Menschen das Wort von der Mafia herum als sog. “Power Broker”, wobei das Thema Mafia politische Macht bestimmt, wie es zutreffend Leonardo Sciascia an der Universität von Palermo geäußert hat.
Dies beinhaltet auch in seiner fatalen Endkonsequenz gelebte engste Verflechtungen mit Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft i.S. einer Strategie der Staats- und Demokratiezersetzung. Aktuell ist dies hoch angesiedelt in den Diskussionen um die Parteispenden als Spielart der Korruption und damit der OK zurechenbar.
Angst, Opfer einer Straftat zu werden
Auch wenn die unter “Verbrechensfurcht” gemessenen Ängste der Bürger zu einem Teil allgemeine Lebensängste und Verunsicherungen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen ausdrücken, so ist die spezifische Angst, Opfer einer Straftat zu werden, die wesentliche, weil die Lebensqualität unmittelbar beeinträchtigt wird.
Diese Gefahr hat sich in den letzten Jahren verdoppelt. Da können nur bedingungslose Optimisten oder Scharlatane eine Besserung der Verhältnisse voraussagen, auch wenn inzwischen mehr als hundert Einrichtungen und Institutionen – teils miteinander, aber überwiegend nebeneinander her – an der Bekämpfung der OK “arbeiten”. Wir befinden uns mitten in einem Prozess, der als “Chicagoisierung unserer Gesellschaft” bezeichnet werden muss.
Warnung vor Euro-Mafia und Transnationaler OK
Bereits 1990 hatte die Anti-Mafia-Kommission des italienischen Parlaments eine dringende Botschaft an die UN-Vollversammlung gerichtet: Das Organisierte Verbrechen hatte die Ausmaße einer gefährlichen globalen Bedrohung erreicht. Internationale Verbrecherorganisationen hatten sich darauf verständigt, Gebiete aufzuteilen und Marktstrategien zu entwickeln. Gesellschaftliche Institutionen und die Kräfte von Gesetz und Ordnung wurden untergraben, das wirtschaftliche Gleichgewicht war gestört und demokratische Lebensformen wurden unterlaufen.
Der Bericht fand damals kaum Beachtung, erst heute wird von einer “Euro-Mafia” oder der “Transnationalen OK” gesprochen. Mit ihren Strukturen, ihren Europa mit Amerika verbindenden Kommandosträngen, ihren subtilen Methoden und ihrer Beständigkeit entwickelt die Mafia ein kriminelles Europa ohne Grenzen, auf das kein EU-Staat vorbereitet ist.
Methoden der Mafia
Die Mafia unterscheidet sich von der OK dadurch, dass sie, um Einfluss und Monopolisierung von Macht zu sichern, bestrebt ist, öffentliche Institutionen, Legislative und Exekutive sowie Medien und Wirtschaftsunternehmen bei absoluter Abschottung nach außen zu unterwandern. Mafia ist ein System, in dem Herrschaftsausübung und -organisation mit clientelistischen Strukturen vorherrschen. Sie versucht weitgehend mit einem Minimum an inkriminierten Methoden ohne kriminelle Mittel auszukommen.
Kompromittierende Beziehungen zu Rechtsbrechern müssen gelöst und stattdessen andere geknüpft werden. Sie müssen sich vielmehr mit Polizeibeamten, Bürgermeistern, Richtern, Amtsärzten, Verwaltungsbeamten und Abgeordneten gut stellen. Auch schon die bloße Bekanntschaft ist von Vorteil. Die Legalisierung der mafiosen Macht ergibt sich aus unzähligen offiziellen Handlungen und kann bis zur Übereinstimmung mit rechtlichen Funktionen gehen.
Mafiosi sind Unternehmer mit Innovationen
Die Einverleibung der mafiosen Methode in die Produktion von Gütern und Diensten hat einer ganzen Gruppe von Firmen, wie jedem innovatorischen Unternehmen, gestattet, in den Genuss eines monopolitischen Profits zu gelangen. Mafiose Unternehmen sichern sich Waren und Rohstoffe zu Gefälligkeitspreisen sowie Bestellungen, Aufträge und Verkaufsmärkte, ohne dem Konkurrenzdruck anderer Unternehmen ausgesetzt zu sein. Die Fähigkeit einzuschüchtern, funktioniert wie eine tatsächliche Zollschranke.
Die Kapitalanlagen im legalen Bereich, die im illegalen Bereich der Wirtschaft erworben wurden, unterscheidet die italienische Mafia wesentlich vom Gangstertum der amerikanischen Mafia. Der größte Teil der Gewinne, die durch Glücksspiele, Drogenhandel, Prostitution und Schiebereien gemacht werden, werden wieder in denselben illegalen Markt gesteckt. Die Mafia beweist ihre Innovationskräfte durch Eigendynamik, polyvalente Netzwerke und professionelle Gewaltanwendung. Das moderne internationale Recht bleibt wirkungslos.
Selbstverständnis und Selbstdarstellung der Mafia
Die Mafia wird nicht als Organisation oder Geheimgesellschaft, sondern als eine Methode gesehen. In einer sozialen Beziehung gebraucht der Mafioso physische Gewalt oder droht den Gebrauch an. Damit schafft er sich nicht nur eigenen materiellen oder Prestigegewinn, sondern erfüllt auch Funktionen innerhalb des subkulturellen Systems. In einer Zeit, in der die Gesellschaft völlig hilflos der Auflösung ihrer Werte zusieht, lebt er in seiner Welt als ehrbarer Bürger.
Darin liegt die mafiose Doppelmoral – das Negieren und Ignorieren der gemeingültigen gesellschaftlichen Regeln, die Illoyalität gegenüber der staatlichen Ordnung unter zugleich striktem Ausleben eigens geschaffener Regeln. Die OK ist der Gesellschaft ähnlich und letztlich ein Spiegelbild ihrer selbst, welches die Vorgehensweise der Einbindung des Individuums in übergeordnete Strukturen und das Gemeinwesen tragende Regeln kopiert.
Gesetzgebung der Mafia Niemand darf “mafioso” genannt werden, zu deutlich steht auch für die sizilianische Bevölkerung “mafioso” für “Verbrecher”. | Folgende Gesetze gelten für das gesamte System:
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Die Mafia im Ist-Zustand – fern von der Propaganda mit sozialrevolutionärem Impetus
“Mafia” ist zum Synonym für italienisch dominiertes organisiertes Verbrechen geworden. Jeder wartet nur auf den Fehler des anderen, um zuzuschlagen. Es gilt genau das Gegenteil der hehren Regeln, die die Mafia immer so gerne öffentlichkeitswirksam über sich verbreiten lässt. In Wirklichkeit zählen Freundschaft, Treue, Verwandtschaft nichts, nirgendwo gibt es Fürsorge für das in Not geratene Mitglied der Gruppe. Die Prinzipien der “Cosa Nostra” dienen den Mächtigen unter den “ehrbaren Männern” in aller Regel nur dazu, hinterhältig ihre Freunde auszuschalten.
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