Sicherheit

Streitpunkt Sicherheit in Fußballstadien

© Lance Bellers - Fotolia.com
Der Disput in NRW als Exempel

Während des Champions-League-Playoffspiels zwischen dem FC Schalke 04 und Paok Saloniki im August 2013, hängten Gelsenkirchener Ultras ein Banner in die Nordkurve. Dieses trug die Aufschrift „Komiti Düsseldorf“ in kyrillischer Schrift und das Symbol des Sterns von Vergina: Ein politischer Affront gegen die griechischen Gäste. Denn dieses Symbol zierte nach der Autonomie-Erklärung Mazedoniens im Jahr 1992 die mazedonische Nationalflagge, wogegen Griechenland Protest einlegte und bei der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) die exklusiven Rechte für den Stern von Vergina beanspruchte.

Für die Fans des Gastvereines Paok Saloniki stellte die Zurschaustellung des Banners eine Beschimpfung dar. Eine Massenschlägerei kündigte sich an. Die Polizei forderte zunächst vom Ordnungsdienst des Schalker Klubs, das Banner zu entfernen. Als ihnen dies nicht gelang, drangen Polizeibeamte in die Fankurve, um das Banner abzuhängen. Nach Angaben der Polizei vermummten sich mehrere Ultras, beschimpften die Polizei und wurden gewalttätig. Unter Einsatz von Schlagstöcken und Pfefferspray setzte sich die Polizei schließlich durch. Der Klub stellte sich auf die Seite seiner Anhänger und kritisierte die Polizei ob der empfundenen Unverhältnismäßigkeit massiv. Daraufhin kündigte NRWs Innenminister Ralf Jäger den Rückzug der Polizei aus dem Gelsenkirchener Fußballstadion an und schuf damit einen Präzedenzfall. Zwar wurde die weitere Bereitstellung von Polizeikräften nach einer Entschuldigung wieder zugesagt, dennoch bleibt der Einsatz von Polizisten in Fußballstadien und vor allem die Kostenbeteiligung der Vereine ein Streitpunkt.

Folgen des Verbots

Was einem Paukenschlag in den Medien gleichkam, feierten Anhänger der Schalker Ultras als Triumph. Am nächsten Spieltag in der Fußball-Bundesliga konnte man das Transparent lesen: „Adios, Ciao, Adieu, Bye, Bullen aus der Kurve“. Auch die „Arbeitsgemeinschaft Fananwälte“, die für Kritik an polizeilichen Eingriffen bekannt ist, begrüßte umgehend den Abzug der Polizei.

Der Vorstoß des nordrheinwestfälischen Innenministers hätte bewirkt, dass sich die Polizei außerhalb des Stadions aufgestellt hätte und nur im Falle der Alarmierung eingeschritten wäre. Der Bochumer Professor Thomas Feltes hält ein solches Vorgehen für rechtswidrig und teilt diese Meinung mit Managern anderer Fußballverbände.

Unbenommen solcher einzelner Ansichten hätte das Polizei-Verbot eine Ausweitung der privaten Sicherheitsdienste zur Folge. Zwar sind private Sicherheitsdienste bereits in deutschen Stadien neben der Polizei aktiv. Beide Parteien arbeiten aber meist unabhängig voneinander und treffen nur vereinzelt Absprachen. In der Schweiz wird die Sicherheit in Stadien hingegen hauptsächlich über private Sicherheitsunternehmen gewährleistet und entspricht dem Vorschlag Jägers. Allerdings eskalieren auch dort Gewalthandlungen zwischen Fans und den Sicherheitskräften. Besonders Schweizer Politiker fordern den Polizeieinsatz in Stadien und nicht nur davor. Gegen diese Vorschläge sprechen sich nicht nur die Fans, sondern auch die Polizei selbst aus: Stadionsicherheit sei eine private Angelegenheit und die finanziellen Mittel für solche Einsätze seien zu begrenzt.

Kosten von Polizeieinsätzen

Die Arbeits- und Kostenintensität können deutsche Polizisten bestätigen. Im Saisonzeitraum 2011/2012  wurden in Folge von Spielen der ersten und zweiten Bundesliga, des DFB-Pokals, der Spiele der UEFA-Wettbewerbe sowie der Nationalmannschaft über 7.000 freiheitsentziehende Maßnahmen und mehr als 8.000 Strafverfahren eingeleitet.  Ca. 1.000 Personen wurden verletzt (Unfallopfer sind in dieser Angabe nicht erfasst) und fast zwei Millionen Arbeitsstunden der Polizeien der Länder und des Bundes zur unmittelbaren Einsatzbewältigung abgeleistet. Dies ist eine Steigerung von über 40% gegenüber dem Jahr 2000. Die Polizeibehörden schätzen, dass etwa 16.500 Personen in den Anhängerschaften der Vereine von Bundes- bis Regionalliga über gewaltbereites Potenzial verfügen. Dies stellt gegenüber dem vorherigen Berichtszeitraum eine Steigerungsrate von ca. zehn Prozent dar.

Hinter diesen Zahlen stehen hohe Kosten. Insgesamt fallen jährlich rund 100 Millionen Euro für den Steuerzahler an. Die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) fordert seit geraumer Zeit eine Beteiligung der Fußballvereine an den Einsatzkosten. Indes bleibt die Gewerkschaft der Polizei (GdP) bei ihrem Nein zur Beteiligung der Fußballvereine an den Kosten von Polizeieinsätzen, weil dies aus grundsätzlichen Erwägungen nicht zielführend sei. Gleichzeitig setzt die GdP auf eine nachhaltigere Präventionsarbeit der Fußballvereine unter Aufwendung ihrer finanziellen Ressourcen.

Fazit

Der Streit um künftige Polizeieinsätze im Gelsenkirchener Stadion wurde rasch beigelegt, die Polizei akzeptierte die Entschuldigung des Managements. Dennoch wird der Zankapfel um die Finanzierung der kostenaufwendigen Einsätze bleiben. Denn trotz einer hohen Steuerlast, die die Klubs zweifelsohne als Wirtschaftsakteure mit hohen Gewinnen tragen, bleibt die Frage, warum die Polizei in Fußballstadien mit hohem personellen Aufwand tätig werden muss, während die Sicherheit von Festivals und dergleichen von privaten Sicherheitsdiensten gewährleistet werden kann. Gleichzeitig wird die Akzeptanz der Polizei von Ultras regelmäßig in Frage gestellt. Vielleicht wird die Debatte auch zu Konsequenzen führen, wie der nordrheinwestfälische Innenminister sie kurzzeitig und öffentlichkeitswirksam angedacht hatte. Doch dazu gibt bislang noch keinen politischen Willen.

Quellen

 

  1. Eklat auf Schalke: „Es ist richtig, dass die Polizei nicht mehr im Stadion ist“, Spiegel online vom 12.09.2013
  2. Polizei-Rückzug aus Stadion: Schweizer Modell ist Chance für Schalke, Benjamin Knaack,  Spiegel online vom 14.09.2013
  3. Jahresbericht Fußball für die Saison 2011/12, Berichtszeitraum: 01.07.2011 – 30.06.2012, Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) (gekürzte Fassung)
  4. DPolG Info, Nr. 13 vom 26. September 2012, Seite 4 f.
  5. 10 Positionen der Gewerkschaft der Polizei für friedlichen Fußball, Gewerkschaft der Polizei, Bundesvorstand, vom 22.03.2012