Gefahrenabwehr

Katastrophenabwehr: Erdbebengefahr ernst nehmen!

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Problem:

„Erdbeben? Doch nicht bei uns!“ Diese Einstellung, mit der ein real existierendes Risiko einfach ausgeblendet wird, ist leider weitverbreitet. Man kennt sie auch aus anderen Bereichen, wie beispielsweise bei Bränden. Sie gilt immer nur solange als richtig, bis man eines Besseren oder, wie in dem Fall, eines Schlechteren, belehrt wird. Dann schlägt die Stunde der Sündenbocksuche. Dabei ist Prävention doch relativ einfach – in einem hochtechnisierten Land wie Deutschland gibt es technische Regeln, Normen und Bestimmungen zur Genüge. Die Vorgaben müssten nur von Experten umgesetzt werden.

Regelmäßiges Phänomen

Erdbeben kommen auch bei uns regelmäßig, fast wöchentlich, vor, wenn man eine Magnitude, das Maß für die Stärke von Erdbeben, von größer als 1,0 auf der Richterskala zugrunde legt. Bei Magnituden unterhalb von 2,0 spricht man von Mikrobeben, bei solchen bis 5,0 von extrem leichten bis leichten Erdbeben und ab 5,0 wird jedem weiteren Wert auch eine entsprechende Klassifizierung zugeordnet (mittelstark bis 6,0, stark bis 7,0, groß bis 8,0, sehr groß bis 9,0 und die beiden letzten extrem groß bis 10,0 und globale Katastrophe über 10,0). Von ruhigen, bewegungslosen Menschen wahrnehmbar sind Erdbeben meist ab einer Magnitude von 3,0. Ab 4,0 kann man ein Erdbeben an bewegten Möbeln erkennen. Ab 7,0 ist das Gehen bereits deutlich erschwert und über 8,0 sind Erdspalten und eine Verflüssigung des Bodens zu beobachten.

Wie schnell man in Deutschland Zeuge eines Erdbebens werden kann, hat man in der vergangenen Zeit der Berichterstattung entnehmen können:

  • Am 1. Mai 2014 wurde in Bassum im Landkreis Diepholz, südlich von Bremen, ein Beben der Stärke 3,1 gemessen. Bemerkenswert bei dem Beben war, dass es in einer nicht ausgewiesenen Erdbebenzone stattfand.
  • Am 17. Mai 2014 bebte die Erde in Jugenheim bei Darmstadt mit einer Stärke von 3,9.
  • Am 8. Juni 2014 in Ober-Ramstadt wurde – wieder in der Nähe von Darmstadt – ein Beben mit einer Magnitude von 3,0 nach der Richterskala gemessen.

Das stärkste dokumentierte Erdbeben innerhalb der deutschen Grenzen fand am 18. Februar 1756 bei Düren im Rheinland statt und hatte eine Magnitude von etwa 6,4.

Erdbebenzonen

Es gibt in Deutschland vier Zonen, in denen die Menschen regelmäßig mit dem Phänomen konfrontiert werden:

  • zwischen Köln-Bonn und Lüttich,
  • südlich von Stuttgart,
  • am deutsch-schweizerischen Grenzgebiet bei Basel und
  • bei Gera.
Maßnahmen:
Normen beachten

Schon seit geraumer Zeit gibt es Vorschriften und Normen bzw. Richtlinien wie die DIN EN 1998-1, „Grundlagen, Erdbebeneinwirkungen und Regeln für Hochbauten“ sowie die DIN EN 1998-1/A1 und die DIN EN 1998-1/NA (Nationaler Anhang). Umsetzen müssen diese Normen Bauherren bzw. deren Fachplaner (Architekt, Statiker), die Gebäude in Gebieten mit erhöhtem Erdbebenrisiko, den sogenannten „Erdbebenzonen“, errichten. Baurechtlich gültig ist übrigens zurzeit noch die DIN 4149. Es dürfte aber nicht mehr lange dauern, bis sich die DIN 1998-1 als für alle Bundesländer verbindlich durchgesetzt hat. Die Risiko-Zonen sind in den Papieren zur Norm abgebildet. Daraus kann man das Risiko ableiten und die entsprechenden Ausführungsbestimmungen berücksichtigen.

Musterbauordnung

Die Beachtung der Ausführungsbestimmungen liegt im eigenen Interesse. Denn Gebäude sind so zu errichten, dass nach der Musterbauordnung laut § 3 „Allgemeine Anforderungen“, Absatz 1, Anlagen (Gebäude) so „anzuordnen, zu errichten, zu ändern und instand zu halten sind, dass die öffentliche Sicherheit und Ordnung, insbesondere Leben, Gesundheit und die natürlichen Lebensgrundlagen, nicht gefährdet werden.“

Wird also ein Gebäude bei einem Beben zerstört, während andere Gebäude in der Nachbarschaft stehengeblieben sind, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Staatsanwaltschaft zur Klärung dieses Versagens ermitteln wird. Es empfiehlt sich also, alle Vorgaben baurechtskonform zu erfüllen.

Aber nicht nur der Bauherr ist in die Pflicht zu nehmen – auch seine Fachplaner werden sich wohl der Verantwortung stellen müssen. Probleme können eigentlich nur dann entstehen, wenn zu „schludrig“ geplant wird und es dennoch zum Schaden kommt. Und das kommt immer wieder vor. Es gibt hinsichtlich der Erdbebenklassen begrenzte Ermessensspielräume.

Vorsicht beim Gebäudekauf

Bei Erwerb oder auch langfristiger Anmietung eines Gebäudes sollte man  in jedem Falle darauf achten, ob und in welcher Erdbebenzone es sich befindet und wie das Objekt dem statisch gerecht wird. Die Wahrscheinlichkeit eines Totalschadens ist zwar als gering zu werten – allerdings auch nicht auszuschließen.

Bei Hallenbauten hat es zumindest schon große Ertüchtigungs- und Sanierungsaufwendungen gegeben. Dabei muss man sich vorstellen, wie ein Beben auf die Gebäude wirkt: Die erdberührenden Bauteile sind relativ gut mit dem Erdboden fixiert und beben bei den Erdstößen mit. Die außerhalb des Erdreichs liegende Konstruktion kann aufgrund ihrer Massenträgheit bei den Bewegungen des Bodens nicht in gleichem Maße mitschwingen. Sie verharrt durch ihre Trägheit zunächst an ihrem Ausgangsstandpunkt, sodass eine extreme Zug- und Schubbelastung zu erheblichen Rissen oder gar zum Kollabieren des statischen Systems führen kann (letzteres ist in Deutschland sehr selten).

Baugrund beachten

Es sind jedoch nicht nur die statischen und konstruktiven Gegebenheiten zu betrachten – auch die Baugrundbeschaffenheit spielt eine große Rolle. Deshalb sollte darauf geachtet werden, welche Baugrundbeschaffenheit vorliegt, wenn man ein Gebäude plant. Böden, die z. B. zur Verflüssigung neigen (infolge starker Erschütterungen verlieren die einzelnen Sandkörner durch das im Boden enthaltene Wasser den Kontakt zueinander und reagieren dann wie flüssiger Brei) sollten möglichst gemieden werden. Es kann zwar konstruktiv entgegengewirkt werden, dies ist jedoch sehr kostenintensiv.

Nachbarschaftsrisiken

Es empfiehlt sich, auch die Nachbarschaft genau im Blick zu haben, wenn man ein neues Gebäude errichten will. Denn es nützt nichts, wenn man selbst alles ordnungsgemäß errichtet hat, die Nachbargebäude hingegen im Erdbebenfall eine Bedrohung darstellen, Stichwort: Trümmerkegel. Diese Gefahr besteht vor allem bei sehr dichter städtischer Bebauung mit höheren Gebäuden. Der Sicherheits-Berater erinnert an den Einsturz des historischen Stadtarchivs in Köln.

Prävention vs. Ästhetik

Ebenfalls abzuraten ist von einer extravaganten Architektur mit sehr komplizierten statischen Anforderungen in Erdbebenzonen mit einem hohen Risikopotenzial. Hier sollte Einfachheit des statischen Systems als Prävention ganz klar Vorrang haben vor der architektonischen Ästhetik oder Extravaganz, wie z.B. mit wandernden Lasten.

Praxishinweise

Zusammenfassend sollte beim Neubau auf Folgendes geachtet werden:

  • Geltende Normen und Ausführungsbestimmungen sollten bekannt sein.
  • Befindet sich das Grundstück in einer Erdbebenzone?
  • Wie ist die Beschaffenheit des Baugrunds?
  • Nachbarschaftsrisiken wegen Trümmerfall beachten.
  • Beim Bau in Erdbebenzonen geht Prävention vor Ästhetik.