Sicherheitskonzepte

Unternehmenssicherheit und der Schutz Kritischer Infrastrukturen

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Kritischer Infrastrukturen

Kritische Infrastrukturen (KRITIS) stellen wichtige Güter und Dienstleistungen bereit, auf welche die Bevölkerung immer, auch in einer Krise, zugreifen können muss. Um die Grundbedürfnisse zu decken, müssen Güter wie Trinkwasser- und Stromversorgung gewährleistet sein. Hinzu kommen Infrastrukturen, die für die Erhaltung unserer rechtsstaatlichen Grundordnung einschließlich des Vertrauens der Bevölkerung unabdingbar sind. Darunter fallen zum Beispiel Polizeien, aber auch symbolträchtige Bauwerke.

Insgesamt werden auf der Bundesebene neun sogenannte Sektoren Kritischer Infrastrukturen (KRITIS) mit 29 Branchen benannt (zur Übersicht sehen Sie hier). Dabei ist der Schutz KRITIS eine Querschnittsaufgabe vieler Verantwortlicher. Gemeinsames Ziel ist die Versorgungssicherheit. Alle Vorgaben und Maßnahmen, die die Sicherheit der Infrastrukturen erhöhen, tragen somit zum Schutz bei. Im engeren Sinne sind Maßnahmen zum Schutz KRITIS jedoch solche, die über den bestehenden Schutz, und damit zumeist über das aktuelle gesetzliche Maß, hinausgehen. Damit basiert der Schutz KRITIS in Deutschland maßgeblich auf einer freiwilligen Kooperation der Beteiligten.

Kritische Infrastruktur: Stromversorgung

Die Versorgungssicherheit mit Strom ist in Deutschland sehr hoch. Die Ausfallzahlen bewegen sich unter den niedrigsten weltweit. Ein langandauernder, großflächiger Stromausfall ist unwahrscheinlich; doch:

„Träte dieser Fall aber ein, kämen die dadurch ausgelösten Folgen einer nationalen Katastrophe gleich. Diese wäre selbst durch eine Mobilisierung aller internen und externen Kräfte und Ressourcen nicht ‚beherrschbar’, allenfalls zu mildern“.

So das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag: Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften am Beispiel eines großräumigen Ausfalls der Stromversorgung. Diese Einschätzung wurde durch die Bundesregierung in ihrer Stellungnahme zum Bericht bestätigt.

In der Krise bleibt die originäre Zuständigkeit

Je besser alle Beteiligten vernetzt sind und wissen, wer was von wem in der Krise erwartet, je mehr Risiken bekannt sind, minimiert und begrenzt wurden, desto besser und zielgerichteter kann eine solche Krise abgearbeitet werden. Dabei verliert niemand in einer Krise seine originären Zuständigkeiten, sondern trägt im Rahmen dieser bestmöglich zur Bewältigung bei:

  • Die Stromversorger konzentrieren sich auf eine schnellstmögliche Wiederherstellung der Stromversorgung. Sie werden hierbei auch durch die Behörden der Wirtschaftsressorts unterstützt. Im Falle eines mehrere Bundesländer betreffenden Stromausfalles ist dies die Bundesnetzagentur als Bundeslastverteiler.
  • Vom Ausfall betroffene Infrastrukturen und Unternehmen werden in einem definierten Rahmen versuchen, ihre eigene Funktionsfähigkeit aufrecht zu erhalten.
  • Auch die Bevölkerung wird eigene Schutzmaßnahmen ergreifen.

Weder für die Bevölkerung noch für viele Unternehmen und Organisationen gibt es rechtlich verbindliche Vorgaben zur Vorhaltung von Ersatzstromanlagen und sonstigen Vorräten.

Auch Unternehmen und Betreiber in Bereichen mit rechtlichen, normativen, vertraglichen oder sonstigen Vorgaben und Empfehlungen müssen analysieren, ob ihre Ersatzstromversorgung für den Fall eines langanhaltenden Stromausfalls ausreichend geregelt ist.

Ausgewählte Leitfäden des BBK und anderer Behörden
  • Notstromleitfaden:

Nicht immer ist die Errichtung einer Notstromversorgung die beste Wahl für ein Unternehmen. Eine 72-stündige Absicherung mit Ersatzstrom könnte unter Umständen finanziell oder auch technisch nicht umsetzbar sein. Ob für die eigene Einrichtung eine Notstromversorgung sinnvoll wäre, kann auch mit Hilfe eines Leitfadens des BBK ermittelt werden. Der „Leitfaden für die Einrichtung und den Betrieb einer Notstromversorgung in Behörden und anderen wichtigen öffentlichen Einrichtungen“ bietet Unterstützung für strategisch-planerische und organisatorische Vorsorgemaßnahmen zur Gewährleistung der eigenen Funktionsfähigkeit im Notbetrieb. Momentan wird der Leitfaden aktualisiert und um Hinweise zur Langzeitlagerung von Diesel und auch alternativen Stromerzeugern ergänzt. Ab dem Jahr 2015 wird dann die überarbeitete Version zum Download auf den Webseiten des BBK zur Verfügung stehen.

Der Leitfaden und auch  viele andere Veröffentlichungen des BBK richten sich primär an Behörden und Betreiber Kritischer Infrastrukturen, sind jedoch auch für das unternehmensinterne Risikomanagement hilfreich.

  • Krisenhandbuch Stromausfall:

Hinweispunkte, inwieweit der eigene Bereich durch einen langandauernden Stromausfall betroffen sein könnte, liefert das „Krisenhandbuch Stromausfall“, das vom BBK gemeinsam mit dem Land Baden-Württemberg herausgegeben wurde. Zudem stehen dem Nutzer umfangreiche Planungshilfen zur Vorsorge, Krisenbewältigung und Nachbereitung zur Verfügung mit teilweise spezifischen Fragen für die Industrie.

  • Priorisierungen im Einsatz der Gefahrenabwehr:

Um Hinweise zur Einsatzplanung des Brand- und Katastrophenschutzes im Falle eines Stromausfalls am eigenen Standort zu erfahren, können auch Rahmenempfehlungen, wie sie das Land Hessen erstellt hat, ein wichtiger informatorischer Ansatzpunkt sein.

  • Selbstschutz der Bevölkerung:

Wer Interesse an weiteren Hintergründen zum Stromausfall hat, kann in der Veröffentlichung „Kapazitäten der Bevölkerung zur Bewältigung eines lang anhaltenden flächendeckenden Stromausfalls“ die erste empirische Untersuchung in Deutschland zu den selbst abgeschätzten Fähigkeiten der Bevölkerung nachlesen. Verraten sei vorab: Vorräte, wie sie beispielsweise im Heft „Katastrophenalarm – Ratgeber für Notfallvorsorge und richtiges Handeln“ empfohlen werden, haben viele Bürger nicht zu Hause.

  • Leitfaden Schutz Kritischer Infrastrukturen:

Über die Gefahr eines langanhaltenden Stromausfalls hinaus, kann es für ein Unternehmen sinnvoll sein, anhand einer Analyse der eigenen Verwundbarkeit hinsichtlich (nichtfinanzieller) weiterer Gefahren aus den Bereichen Naturgefahren, technische Risiken, menschliche Fehler, Sabotage, Terrorismus und Ausfall von Infrastrukturen eigene Risiken zu erheben. Ein mögliches strukturiertes Vorgehen, das auch unproblematisch in das bestehende integrierte Management des Unternehmens passt, zeigt der Leitfaden „Schutz Kritischer Infrastrukturen – Risiko und Krisenmanagement“ auf.

  • Plattformen Cybersicherheit:

Unternehmen, die eine hohe Verwundbarkeit ihrer IT identifiziert haben oder grundsätzlich Informationen und Erfahrungsaustausch zum Thema Cybersicherheit suchen, haben die Möglichkeit, sich über Plattformen öffentlich-privater Kooperation zu engagieren. Für Betreiber KRITIS ist dies der UP KRITIS; für alle Unternehmen gibt es darüber hinaus die Allianz für Cybersicherheit. Die Geschäftsstelle beider Plattformen ist die dafür zuständige Fachbehörde, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI).

Praxishinweise:

Unternehmen müssen analysieren, ob ihre Ersatzstromversorgung für den Fall eines langanhaltenden Stromausfalles ausreichend geregelt ist. Unter anderem sollten sie Folgendes hinterfragen:

  • Welche Verbraucher hängen an der Notstromversorgung?
  • Sind dies meine wichtigsten Bereiche und ist die Notstromversorgung auch ausreichend groß konzipiert?
  • Wenn die Krise länger als 24 Stunden dauert, ist dann die Nachbelieferung und Nachbetankung des Aggregates mit Diesel vertraglich und ohne Ausschlüsse gesichert?
  • Sind Ansprechpartner bei Feuerwehr und anderen Einrichtungen auch ohne öffentliches Telefonnetz und Internet umgehend zu erreichen?

Das BBK und auch große Stromversorger empfehlen, sich für 72 Stunden abzusichern. Es wird davon ausgegangen, dass bei den meisten Szenarien das Stromnetz spätestens dann wieder weitgehend zur Verfügung steht, bzw. im schlimmsten Fall die Maßnahmen der Gefahrenabwehr umfänglich greifen.

Über das BBK

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) wurde im Jahr 2014 gegründet. Drei Jahre zuvor war eine „Neue Strategie zum Schutz der Bevölkerung in Deutschland“ verabschiedet worden. Nach dem 11. September 2001 und dem Elbehochwasser 2002 wurden auf Grundlage eines Beschlusses der Innenministerkonferenz Teile dieser Strategie umgesetzt. Ein Punkt dabei war die Errichtung dieses Hauses. Das BBK versteht sich als Kompetenzzentrum im Bevölkerungsschutz, das gemeinsam mit seinen Partner das System der zivilen Sicherheitsvorsorge aktiv mitgestaltet. Zu den Partnern gehören das THW, Hilfsorganisationen und Innenministerien der Länder. Dabei wird der Schutz Kritischer Infrastrukturen als integraler Bestandteil des Bevölkerungsschutzes verstanden und ist somit ein Aufgabenbereich des BBK.

Quelle:

Thomas Petermann, Harald Bradke, Arne Lüllmann, Maik Poetzsch, Ulrich Riehm: Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften am Beispiel eines großräumigen Ausfalles der Stromversorgung, Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (zuletzt abgerufen am 30.10.2014).