Evakuierung ohne Stress
Im ersten Vortrag berichtete Dr. Joachim Lindner, FSSE GmbH, Neckargemünd, über den Gründruck des Evakuierungsstandards VDI-Norm 4062, seinen Stand und seine Umsetzung für verschiedene Gefährdungsarten. Wie kann das Evakuierungskonzept in die betriebliche Gefahrenabwehr eingebunden werden? Nach Ausführungen von Dr. Lindner bleibt für eine Evakuierung in der Regel nur zehn Minuten Zeit, bis mit der Aufnahme der Ursachenbekämpfung begonnen werden muss. Insbesondere der Aspekt der Selbstrettung der Betroffenen aufgrund von verschiedenen Evakuierungskriterien und Alarmierungsmöglichkeiten stellte Dr. Lindner exemplarisch dar. Dabei kann es durchaus zu einer sogenannten „Chaosphase“ kommen, die besonders bei hohem Zeitdruck und komplexen Situationen wortwörtlich ein Chaos bei Anweisungen und Gefahrenabwehr hervorrufen kann. Die Qualifikation der Ersthelfer spielt bei einem Evakuierungsalarm, ebenso wie die psychische und physische Eigenschaft der Personen, eine wichtige Rolle.
Evakuierungsmaßnahmen münden dann schlussendlich in verschiedene wichtige Funktionen, am Sammelplatz, im Objekt selbst, auf einzelne Personen wie auch auf Gruppen. Anhand eines praktischen Übungsbeispiels stellte Dr. Lindner exemplarisch dar, wie das Zusammenspiel der verschiedenen internen als auch externen Personen im Unternehmen funktionieren muss, um eine Evakuierung gut zu organisieren. Fazit des Referenten:
„Das Einzige, was man bei einer Evakuierung nicht hat, ist Zeit.“
Umsetzung und Erfahrungen der Brandschutzhelferausbildung
Der Leiter Werksicherheit der Heidelberger Druckmaschinen AG, Wiesloch, Orhan Bekyigit, berichtete von seinen Erfahrungen bei der Ausbildung von Brandschutzhelfern in Großunternehmen. Insgesamt sind bei den Heidelberger Druckmaschinen ca. fünf Prozent der Mitarbeiter Brandschutzhelfer oder Räumungshelfer, die (auch bei Schichtbetrieb und Abwesenheit, beispielsweise durch Krankheit) ausreichend für den Einsatz geschult werden.
Theorie und praktische Übungen ergänzen sich in der Ausbildung zum Brandschutzhelfer, die bei den Heidelberger Druckmaschinen im eigenen Hause geleistet wird. Wichtig war es für Bekyigit darzustellen, dass der menschliche Faktor bei der Ausbildung nicht vernachlässigt wird. Hierdurch wird die Ungewissheit in einer möglichen Brandsituation von vorne herein vom Wissensstand der Brandschutzhelfer entschärft. Entsprechend stellte Bekyigit auch die Erfahrungen bei Räumungsübungen am Standort Wiesloch-Walldorf dar, die, durchaus komplex gestaltet, jedes Mal neue Herausforderungen beinhaltete.
Sein Credo dabei war:
“nicht gleich bei den größten Herausforderungen anfangen, die eventuell dann auch Konsequenzen auf die laufende Produktion haben können. Vielmehr sollte mit kleineren Einheiten gestartet werden, um die Erfahrungen auf größere Räumungs- und Evakuierungsübungen zu übertragen.“
Brandursachenermittlung und- vorbeugung
Ebenso praxisnah war dann der Vortrag von Sicherheitsfachwirt (FH) Frank D. Stolt, Mannheim, mit Erkenntnissen aus dem vorbeugendem Brand- und Gefahrenschutz. Nach Stolt spielen dabei:
- Organisation,
- Anlagentechnik,
- Brandschutzaufklärung,
- der bauliche Brandschutz sowie auch
- der ökologische Brandschutz insgesamt
für die Brandsicherheit eine Rolle.
Stolt stellte dar, inwieweit im Ermittlungsdreieck zwischen Wissenschaft, Brandursachenwissen als praktische Erfahrung und dem „Bauchgefühl“ aufgrund langjähriger Praxis, die Fragen an einer Brandstelle geklärt werden können. Dabei sind zahlreiche Aspekte, die nicht unbedingt aufs Erste – aufgrund der Verkettung von verschiedenen Brandursachen – für einen Laien sichtbar sind, zu beachten.
Mit einem praktischen Beispiel eines Brandes in einem Baumarkt, der sich aufgrund einer durchaus simplen elektrischen Ursache bis hin zum Totalschadensfall entwickelte, verdeutlichte Stolt die klassischen Fehler bei der Brandursachenvorbeugung. Oftmals jedoch sind es nicht nur die technischen Einrichtungen, sondern insbesondere die Mitarbeiterbrandstiftung im Unternehmen, die aufgrund von Verärgerung oder Mobbing zu einem Frustverhältnis gegenüber dem Arbeitgeber führen – und damit als zweiter hauptsächlicher Auslöser neben der Technik für das Entstehen von Bränden gilt.
Sicherheit im eigenen Unternehmen halten
Den Abschluss des Austausches machte der Geschäftsführer des Verbands für Sicherheit in der Wirtschaft (VSW) Baden-Württemberg e.V., Karl Schotzko, Stuttgart. Schotzko informierte über die derzeitige Sicherheitsarchitektur in Unternehmen: Wie gestalten Unternehmen ihre Werkssicherheit und Brandschutzvorbeugung? Im eigenen Hause oder besser durch Fremdvergabe? Nach seiner Ansicht wird die eigene Sicherheit im Unternehmen oftmals nicht genügend wertgeschätzt, sodass ein falscher Eindruck entsteht: Die Sicherheit ist „zu teuer“ und wird – auch der Einfachheit halber – fremd vergeben. Dass dabei eine „Lösung von der Stange“ in Kauf genommen und somit nur unter Kostenaspekten gesehen wird, kann für ihn nicht befriedigend sein.
Schotzko machte deutlich, dass sich Sicherheitsabteilungen in Unternehmen bewusster „verkaufen“ und auch ihre Leistungen innerhalb der Unternehmensführung besser darstellen müssen, um dem Argument vorzubeugen,
„es ist in der Vergangenheit ja nichts passiert – also wird auch in der Zukunft nichts passieren – und wir sparen uns die Unternehmenssicherheit ein.“
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Über den IHK-Arbeitskreis “Sicherheit in der Wirtschaft”
Seit Jahren bietet der Arbeitskreis “Sicherheit in der Wirtschaft” an der IHK Rhein-Neckar eine Plattform für Erfahrungsaustausch, Information und Diskussion zwischen den Sicherheitsverantwortlichen der Mitgliedsunternehmen und Vertretern von Behörden, Fachfirmen und Sicherheitsorganisationen.
In drei Veranstaltungen pro Jahr werden im Rahmen von Vorträgen, Workshops, Podiumsdiskussionen, Exkursionen und Präsentationen Themenschwerpunkte aus den Bereichen Brand- und Explosionsschutz, Umweltschutz und Unternehmenssicherheit/Werkschutz behandelt. Im Mittelpunkt steht die Sicherheitsarbeit in der Region und deren praktische Umsetzung im Unternehmen. Fachlich unterstützt wird der Arbeitskreis dabei durch den Verband für Sicherheit Baden-Württemberg e.V., Stuttgart, der auch den Informationsverbund zu anderen Arbeitskreisen in Baden-Württemberg organisiert und kompetente Referenten vermittelt. Die Leitung des Arbeitskreises liegt ehrenamtlich bei Herrn Bernd Baum, Leiter Werkschutz der Heidelberger Druckmaschinen AG, Wiesloch und Heidelberg sowie Herrn Thomas Steinhorst, Ziegle GmbH Sicherheit und Bewachung, Ludwigshafen. Der Arbeitskreis wird in Kooperation mit der IHK Pfalz, Ludwigshafen (zuständig Kathrin Mikalauskas) und deren Mitgliedsbetrieben organisiert.
Der Arbeitskreis fördert bewusst die Kontaktaufnahme und -pflege zwischen den Teilnehmern, um einen dynamischen und kontinuierlichen Erfahrungsaustausch auch über die Sitzungen hinaus zu gewährleisten. Derzeit profitieren ca. 170 Sicherheitsverantwortliche aus den Mitgliedsfirmen der IHK Rhein-Neckar und IHK Pfalz von diesem kostenlosen Angebot.
